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Urlaubsfoto von Simon

So ziemlich vieles von und über Gloria.

HintergrundBearbeiten

KurzportraitBearbeiten

geboren: 01. Mai 1982

Staatsbürgerschaft: US amerikanisch

Mutter: Natalia Connolly (Highschool Lehrerin)

Vater: Luke Connolly (freischaffender Journalist)

Pantheon: Tuatha dé Dannan

Größe: 1,64 m

Gewicht: ~ 60 kg

Haarfarbe: hellbraun/dunkelblond mit rötlichem Einschlag

Augenfarbe: grau

Beruf: studierte Journalistin (MA)

Sprachen: Englisch (M), Spanisch, Arabisch, Französisch, Russisch, (alt-) Kantonesisch

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Langeweile in NY

BeschreibungBearbeiten

Gloria ist durchaus als sportlich zu beschreiben, aber von Modelmaßen ist sie mancher Hinsicht weit entfernt. Ihre Haut ist recht blass und sonnenempfindlich; sie neigt leicht zu Sonnenbrand und Sommersprossen. Ihr braunes Haar hat einen unübersehbaren Rotschimmer; wenn sie viel in der Sonne ist, sticht das Rot noch mehr hervor. Was sie auch tut, es scheint immer mindestens eine Strähne in ihr Gesicht zu hängen; darum sieht man sie auch häufig mit eben diesen Strähnen kämpfen.

Ihr Gesicht ist nicht hässlich, jedoch würde man sie auch nicht als Schönheit bezeichnen: die Nase ist etwas zu vorwitzig, kleine Fältchen sind um ihre Augen, die Lippen sind eher schmal. Nur die klaren, grauen Augen stechen hervor.

Leben bis Tag XBearbeiten

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Foto aus Studienzeiten

Gloria wuchs in einem Vorort von Charlottesville auf, welcher der Idylle einer Werbebroschüre des "American Way of Life" entsprungen sein könnte: adrette Häuschen reihen sich mit ihren gepflegten Gärten und weiß gestrichenen Holzzäunen aneinander. In den Auffahrten stehen blitzende Autos, die Straßen sind breit, ruhig und sauber. Dort lebte sie ein ruhiges Leben - nunja, fast. Da ihr Vater "arbeitsbedingt" wesentlich häufiger unterwegs war als zu Hause, musste sie sich mit ihrer Mutter arrangieren; und es stellte sich heraus, dass man am besten mit Gloria auskam, wenn man ihr möglichst viel zu tun gab: Gloria war eine gute Schülerin, die ein breites Spektrum an Schul- und Freizeitaktivitäten aufzuweisen hat: Schülerzeitung, Volleyball, Photographie, Tauchkurs, diverse Organisationskomitees, Reisen nach Europa und Asien, diverse Schülercamps, Jobs als Kassiererin, Photoassistentin, Zooführerin, Nachhilfelehrerin, Volleyballlehrerin für die Kleinsten, an der Essensausgabe für Bedürftige, Kindergärtnerin und Babysitterin sind darunter. Daneben schrieb sie noch Geschichten und Artikel für kleinere Magazine und Zeitungen, von denen auch eine Handvoll veröffentlich wurden.

Ihre herausragenden Leistungen in Englisch, Literatur und ihr Engagement für ihre Zeitungen verschafften Gloria ein Stipendium an der UCLA: Journalismus und Anglistik - So zog sie nach LA, anstatt die berühmte University of Virginia zu besuchen; denn Charlottesville kannte sie ja schon in- und auswendig. Schnell schloss sie sich einer Studentinnenverbindung (Schwesternschaft) an: Kappa Alpha Theta. Die Gründe hierfür waren eher praktischer Natur: Man weiß nie, wofür man die Kontakte, die man hier knüpfen konnte, baucht. Dort lernte sie auch Sofia kennen, die mit ihr zusammen die "Hell Week" über sich ergehen lassen musste. Während der Semesterferien arbeitete sie fast ausschließlich in einem journalistischen Bereich: bei Zeitungen und Magazinen, beim Radio und Fernsehen rund um LA hatte sie immer wieder Jobs und Praktika. Zudem schrieb sie für die Universitätszeitung und versuchte, Artikel an überregionale Zeitungen und Magazine zu bringen. Darum galt sie als über alles informiert (und war oftmals auch Vorort, wenn irgendetwas in ihrem Umfeld passierte: Von Parties bis Sportveranstaltungen, Konzerten bis Charity-Events. Und manch einer fragte sich, wie sie an und vor allem in so manche Veranstaltung kam. Mit der Zeit tauchten auch immer wieder Artikel und Geschichten in diversen Magazinen und Zeitungen von ihr auf. Mit Sofia verband Gloria bald eine Freundschaft - beide teilten das Leid, den gutgemeinten Ratschlägen ihrer Mitschwestern in Sachen Äußeres permanent ausgesetzt zu sein. Wo Sofia allerdings zu sehr in ihre Studien vertieft war, war es Gloria einfach zu zeitaufwendig, sich jeden Tag mindestens eine Stunde um das eigene Aussehen kümmern zu sollen. Diese Zeit verbrachte sie lieber damit, sich mit Sofia zu unterhalten und ihren eigenen Horizont dadurch zu erweitern. Besonders bei der Recherche über ökologische Themen war Sofia eine unbezahlbare Hilfe. Gloria verließ die Universität mit ihrem Master in Journalismus ("cum laude") vor fast vier Jahren. Seitdem arbeitete sie in San Francisco (KGO-TV, Mädchen für alles), Vancouver (Vancouver Sun, Klatschkolumne), New York (Brides Magazine, Fotoreportagen), und zuletzt in New Orleans (The Times-Picayune, Kulturteil).

Kleinere DetailsBearbeiten

New York: kleiner Loft am der Grenze von Chelsea (ehemaliges “Irenviertel” von Manhattan, im Wandel zum Kulturviertel) und Clinton/Hell’s Kitchen (Irenviertel) mit Blick auf den Hudson River. Wesentlich günstiger bekommen als vergleichbare Wohnungen/Lofts.

New Orleans: kleines Shotgun-Haus in Irish Channel


erlebte GeschichteBearbeiten

ErwachenBearbeiten

... oder der ganz normale WahnsinnBearbeiten

Es fing alles damit an, dass ich meine alte Mitschwester Sofia auf der jährlichen Ehemaligenfeier unserer Verbindung ΚΑΘ (LA) wiedertraf. Wie jedes Jahr fand die Party am Strand des Gästehauses in Malibu statt. Es erstaunte mich doch sehr, sie wieder zu treffen. Zum einen hatte sie die letzten 3 Jahre keine Zeit für die Feier gefunden. Zum anderen hatte sie sich verändert. Aus dem zwar gut aussehenden aber doch grauen Mäuschen war ... etwas anderes geworden. Früher hätte sie sich mit Bikinioberteil und Rock nicht mal in eine öffentliche Dusche getraut - außerdem hatte sie eine Frisur, manikürte Nägel und einen Hauch von Makeup. Wenn man bedachte, dass Sofias abgebrochene, schmutzige Nägel nach ihren Aufenthalten in den Naturschutzgebieten unsere Mitschwestern regelmäßig an den Rand des Nervenzusammenbruchs geführt hatten, war diese Veränderung wirklich erstaunlich. Zudem kannte sie noch andere Gäste, was für sie ebenfalls ungewöhnlich war: Sie stellte mich einem X-Games-Fahrer vor. Ich erinnerte mich daran, wie Cecil aus der Sportredaktion von ihm schwärmte (vermutlich, weil er auf ihn gewettet und gewonnen hatte). Außerdem schien sie einen asiatischen Actionstar zu kennen, der mit einer Schwester kam. Und sowohl der Afro, der hinter der Bar eine Show abzog, als auch der anscheinend reiche Playboy waren ihr ein Begriff. So weit, so ungewöhnlich. Allerdings sollte alles noch seltsamer werden.

Dass Sofia mich irgendwann in die Bibliothek bat, fiel an sich nicht aus dem Rahmen. Viele Stunden hatten wir früher dort verbracht, oft in mehr oder weniger hitzige Diskussionen vertieft. Allerdings war die Katze, die sie bei hatte, ein neuer Tick. Und die Katze war auch nicht ganz bei Trost, stürzte sie sich doch auf eine Landkarte aus dem 19ten Jahrhundert und zerfetzte Australien. Sofia, die vorher schon einen eher besorgten Eindruck gemacht hatte, wurde kreidebleich, stammelte irgendetwas von "so schnell wie möglich dort hin" und zog mich wieder auf die Veranda, wo sie mir ihre Katze in die Arme drückte und in der Menge verschwand. Dieses Mistvieh jedoch konnte mich genauso wenig leiden wie ich es - Katzen sind mir einfach suspekt - und verschwand ebenfalls, nachdem es mir die Bluse ruiniert und die Arme zerkratzt hatte. Kaum war es verschwunden, tauchte der Playboy auf. Erst jetzt fiel mir auf, dass Sofia tatsächlich über ihn hergezogen hat - indirekt, da über seine Begleitung, die er irgendwo zurückgelassen hatte. Dabei schien er ganz ok zu sein, reichte mir ein Glas mit was auch immer. Nach der Katze konnte ich das gut gebrauchen. Es dauerte auch nicht allzu lange, da tauchte Sofia wieder auf, aus irgendwelchen Gründen den Motorradfahrer und den Barmann, sowie den Actionstar und einen muskelbepackten Latino im Schlepptau. Sie fing an mit ziemlich seltsamer, teilweise sehr sprunghafter Argumentation alle davon überzeugen zu wollen, dass man sofort nach Australien müsse - bis sie auf einmal stockte. Sie hatte bemerkte, dass Marc und ich uns wohl ein wenig unterhalten hatten, und schoss wieder gegen ihn. Trotz der kurzzeitigen Ablenkung überredete sie alle dazu, dass man doch aufbrach.

Auf dem Parkplatz wurde es dann für mich ziemlich abgespaced: Zuerst fing Sofias Katze an zu kreischen und flitzte davon, Sofia panisch hinterher. Da tauchte plötzlich ein Mann auf. Komplett in schwarzer, lederner Motorradmontur samt schwarzem Helm, mit zwei Katanas, zwei MPs und Raketenwerfer. Irgendetwas musste in dem Drink gewesen sein, den Mr. Playboy mir gegeben hatte. Jedenfalls änderte Sofia ihren Kurs und stürzte auf mich, um mich anzuschreien und wegzustoßen. Mit dem Erfolg, dass sie zur Zielscheibe des Ersatzninjas wurde; er griff sie an und verletzte sie schwer. Dann ging alles sehr schnell: während sich der Motorcrossfahrer um Sofia kümmerte (er schnappte sie einfach und rannte mit ihr davon, schneller als jemand auch ohne Last überhaupt rennen können sollte), tauchte aus dem Nichts Marc auf, schnappte mich und sprang mit mir in einem riesigen Satz weg vom Kampfgeschehen. Mit riesig meine ich riesig. Die Bank, die er anvisiert hatte, stand locker 30 Meter vom Kampfgeschehen weg. Seelenruhig setzte er sich, zauberte von irgendwoher eine Art Kelch und etwas zu Trinken herbei und sah sich an, was die anderen auf dem Mini-Schlachtfeld trieben. Der Drink war mir wirklich willkommen. Vom Kampf, den der Latino und der Actionstar mit dem Angreifer führten, weiß ich nur noch zwei Dinge: Es muss nur ein kurzer Moment gewesen sein, aber mir kam es fast wie eine Ewigkeit vor. Irgendwo schrie ein Vogel und die Zeit blieb für mich fast stehen. Wie in Zeitlupe bewegten sich alle. Es schien unendlich lang, und war trotzdem schlagartig vorbei. Kurz darauf zündete irgendwer den Raketenwerfer und verwandelte den Parkplatz in einen Kriegsschauplatz. Das war der Moment, an dem sich Marc mit mir vom Kampfplatz verabschiedete.

Alles kam mir immer noch wie ein Traum vor, als wir zum Stadtanwesen des Milliardärssohn fuhren. Ging es Sofia wirklich gut? Ob es die Drinks waren oder nur der Kampf, der wie aus einem Film schien, oder beides - ich habe immer das Gefühl, dass es mir die Erinnerung auch heute noch durcheinander würfelt. Irgendwann fing Marc an, von Götterkindern zu erzählen. Wohl nach einem kurzen Gespräch mit Simon, der irgendwann mit dem Latino in der Villa auftauchte. Dann rief Louis bei Simon an, Sofia bei mir; und sie war nicht erfreut darüber, dass Marc mich mitgenommen hatte. Es gab ein furchtbares Durcheinander, weil Sofia zwar verletzt war, aber unbedingt am Besten schon gestern in Australien gewesen wäre. Und zu allem Überfluss versuchte Marc auch noch, mir weiß zu machen, dass sie wohl "so was wie Herkules, nur cooler" waren. Und dass Simon den Verdacht hegte, dass ich auch dazu gehören würde. Es wurde schließlich irgendwann beschlossen, dass man sich auf nach Australien machen würde, sobald es Sofia wieder gut ging. Also am nächsten Tag. Wie auch immer sie das mit Sofia schaffen wollten. Dass ein Laden extra für Marc morgens um vier die Türen öffnete, damit ich mir was für die Reise holen konnte, schien dagegen fast unspektakulär. Pünktlich zum Frühstück rief Sofia wieder an, dass es ihr gut ginge und sie am liebsten sofort aufbrechen würde. Aus "sofort" wurde allerdings, trotz Marcs Privatjet, wegen eines Großaufkommens am LA Flughafen Nachmittag. Louis und Sofia sollten zur Villa kommen, in der Simon, Marc, Miguel und ich schon frühstückten. Simon stichelte dabei immer wieder - zuerst Marc, dass ausgerechnet er versucht hatte, mir beizubringen, was es denn alles mit den Göttern auf sich hatte, wo er es doch bisher noch nicht mal geschafft hatte, sich über sein Pantheon wirklich zu informieren. Dann auch gegen mich. Ich hatte bisher nicht wirklich Veränderungen an mir festgestellt, die mich anders oder besonders machen sollten. Und Simon bestand darauf, dass wohl einer meiner Eltern irgendwann wohl ein kleines Stelldichein mit einem Gott gehabt haben musste. Er war sich sicher. Und ich hielt ihn für ziemlich daneben; da klingelte es an der Tür.

Aus irgendeinem Grund - jetzt im Nachhinein wirkt es auf mich noch unwirklicher - ging ausgerechnet Marc an die Tür. Und er folgte einer unglaublich anmutigen Erscheinung wie ein kleiner Hund, der sein Frauchen über alles anbetete. Die Erscheinung stellte sich als Wildrose vor, begrüßte mich und eröffnete mir - während Marc ihr persönlich einen Saft brachte - dass mein Vater sie geschickt habe und er untröstlich sei, dass er sich mich gerade nicht selbst besuchen könne. Man konnte Wildrose nicht böse sein, mit ihrem golden glänzenden Haar, den großen, blauen Augen und den Duft nach einer Blumenwiese. Aber er hätte Geschenke für mich: Sie überreichte mir einen Weidenkorb, in dem ich eine Kette und einen Stirnreif fand. Wildrose sagte mir, dass mein Vater beide Schmuckstücke eigenhändig für mich angefertigt hatte. Aber damit nicht genug: Sie hatte auch - sehr zu meinem Leidwesen - einen Hund für mich, der auf mich achten sollte. Nicht irgend so ein Schoßhündchen, das man in der Handtasche verstecken konnte. Nein. Ein ausgewachsenes Kalb von einem weißen irischen Wolfshund musste es sein. Ich fühlte mich ehrlichgesagt ein wenig unter Schock. Nach Wildroses Abschied war mir nur noch Simons selbstgefälliges Grinsen und sein Spruch, dass meine Mutter wohl die Untreue gewesen war, in Erinnerung.

Kurz darauf waren Louis und Sofia an der Tür. Sofia war fast unverletzt, wie auch immer sie das angestellt hatte. Und sie war gar nicht erfreut, mich immer noch vorzufinden. Als wir ihr eröffneten, dass bei mir wohl auch ein Gott seine Finger im Spiel hatte, war sie noch verstimmter - oder es lag an dem Hund, der von Sofias Cleo auch nicht begeistert war? Aber alles Murren half nichts, anscheinend wollte irgendetwas nicht, dass sie mich los würde. So machten wir uns auf gen Brisbane.

Katzenjammer in Down UnderBearbeiten

Anstatt in der Stadt selbst zu landen, wurde Marcs Privatjet auf eine Hoppelpiste umgeleitet und wir durften per Jeeps in die Stadt fahren. Der arme Louis - der Motorcrossheld - musste Hund und Katze ertragen, auch wenn er wohl an eigenen Problemen zu kauen hatte. Aber mir war das immer noch angenehmer, als mit einem Pseudo-Großwildjäger das Auto zu teilen. Je näher wir Brisbane kamen, desto unruhiger wurde Sofia. Sie wollte dort einen Club besuchen. Aber aus welchem Grund, wusste sie auch nicht genau, nur dass es wichtig war. Und dann eskalierte es fast, als Marc beinahe eine schon fast leblose Katze erschoss, weil er kein Känguru oder - was er mir nicht glauben wollte, dass es die hier als Plage gibt - Dromedar vor seine Flinte bekommen hatte.

So wie ich zu meinem Leidwesen mit Nebelschweif irgendwie kommunizieren kann, kann Sofia es wohl mit Katzen. Hätte mich auch gewundert, wenn eine Bastettochter das nicht könnte. Und sie erfuhr anscheinend von der mittlerweile toten Katze, dass es all ihren Artgenossen hier alles andere als gut ging.

In Brisbane bestand Marc darauf, wieder einmal das beste Hotel der Stadt zu nehmen - zumindest wenn man den anderen in dieser Hinsicht Glauben schenken mag. Beim opulenten Abendessen rückte Louis dann heraus, dass er an den Folgen eines früheren Abenteuers zu leiden habe: Er konnte sich nicht am Festmahl erfreuen, da alles für ihn zu Wasser und Brot wurde. Nicht erfreulich, aber immer noch besser als der Midasfluch. Aber ich kann ihm nachfühlen, dass er davon nicht begeistert war. Als auch noch Simon mit schadenfrohen Sticheleien anfing, verabschiedete sich Louis missmutig. Kurz darauf verschwand auch Sofia. Sie traf ich wieder, als ich auf dem Weg in mein Zimmer war. Es war zwar schon eine Weile her, seit ich das letzte Mal in Brisbane war, aber es schadete ja nie, Erinnerungen aufzufrischen. Ich wollte mich ins Nachtleben stürzen, auch weil ich nicht sonderlich müde war. Da Sofia fast ebenso griesgrämig dreinblickte wie Louis zwei Stunden zuvor, lud ich sie ein, mitzukommen. Zu meiner Freude sagte sie zu. Ausnahmsweise entpuppte sich der Hund als guter Begleiter und hielt uns jene vom Hals, deren Avancen zu weit gingen. Irgendwann in den frühen Morgenstunden fiel ich ins Bett.

Doch kurze Zeit später wusste ich wieder, warum ich bisher keine Haustiere gehalten hatte: Nach gefühlten zehn Minuten Schlaf meldete sich Ceo Riabh, dass er unbedingt Gassi musste. Im Halbschlaf fand ich das kleine Eckcafé wieder, das immer noch den besten Coffee-To-Go von ganz Brisbane anbot. Der Hund war ekelhaft gut gelaunt. Wieder im Hotel musste ich erstmal Marc wieder aus meinen Zimmer schmeißen. Was er genau von mir wollte, ist mir trotz dreifachem Espresso nicht im Gedächtnis geblieben. Nur dass er nach meiner Dusche - endlich wieder ein fast ganzer Mensch - wieder verschwunden war.

Aus Sofias Absicht, den "Cats' Club" so früh wie möglich aufzusuchen, wurde nichts. Glücklicherweise litt ich nicht unter einem Kater wie sie. Wäre ich böse, würde ich behaupten, dass von einer Bastettochter zu erwarten war, dass sie nach dem Feiern einen Kater mit nach Hause nahm. Anstatt wie alle anderen reinzuhaun beim gemeinsamen Frühstück, hielt sie es lieber wie der appetitlose Louis: Wasser und Aspirin. Trotz Doktortitel hat sie wohl noch nicht verstanden, dass man entweder Magnesium oder noch besser entsprechendes Essen nehmen sollte. So lange hatte sie das Feiern also doch noch nicht für sich entdeckt. Beim Frühstück meinte Miguel nur knapp, dass Krieg auf dem Weg hierher wäre. Die anderen konnten mit dieser Neuigkeit mehr anfangen als ich. Zumindest verschlechterte sie Sofias Katerlaune noch mehr. Und nicht, dass das genug wäre. Dass Simon sehr gerne die Geschehnisse um sich herum kommentiert, hatte ich ja schon in LA mitbekommen. Diesmal hatte er sich Louis' Schicksal zu Herzen genommen. Er betonte, dass Louis an seiner misslichen Lage selbst Schuld sei und dass der erste Weg zur Besserung wohl Selbsterkenntnis wäre. Louis schien von den Ratschlägen des Voodookünstlers überhaupt nicht angetan zu sein, was diesen aber überhaupt nicht irritierte. Nein, er stichelte und ratschlagte sogar noch weiter - so lange, bis der Griechensohn seine Beherrschung verlor und Simon in die Wand donnerte. An sich wäre das ja nicht schlimm, nur war der Hotelmanager überhaupt nicht begeistert, einen menschlichen Abdruck von der Größe Simons in seiner Restaurantwand vorzufinden; er bat uns, doch das Hotel zu wechseln. Nachdem wir unterschiedliche Unterkünfte bezogen hatten, beschloss man, sich zuerst im "Cats' Club" umzusehen.

Wie wir es erwarteten, war er geschlossen. Kurzerhand wurde dort eingebrochen. Da ich bis dato außer der Fähigkeit, mit Hunden zu sprechen, keinerlei sonstigen Veränderungen an mir feststellen konnten, stand ich lediglich Schmiere, während Sof, Marc, Louis, Miguel und Xin in den Club einbrachen. Leider vergaßen sie, die Alarmanlage vorher zu deaktivieren. Nach nicht einmal zehn Minuten war die Polizei Vorort. Nicht, dass mich das groß tangierte. Es war nicht das erste Mal, dass ich mich absichtlich aus einer Situation herausredete, während die anderen sich aus dem Staub machten. Und Simon war darin fast genauso gut wie ich. Als wir wieder zu den anderen stießen, hatte Sofia wohl eine göttliche Prophezeiung erhalten: Eine Katzenstatuette war gestohlen worden von einer Inkarnation des Kriegstitanen - Simon klärte mich nebenher auf, dass sie dem schon früher begegnet waren. Und dass sie ihren Tod gesehen hatte, als sie die Statue retten wollte.

Sofia zog es daraufhin an den Strand, weil sie ziemlich durch den Wind war. Uns begleiteten Louis, Simon und Marc, wobei ersterer schnell merkte, dass sein Fluch sich wohl auch auf die Begegnung mit dem Meer ausdehnte: Er drohte, im knietiefen Wasser zu ertrinken. Mittlerweile war seine Laune nahe dem Nullpunkt, und er legte sich schmollend in die Sonne. Währenddessen versuchte Marc erfolglos, Sofia und mich zum FKK-baden zu überreden. Während Sof und ich surfen waren, um ihre Laune zu bessern, nahm Simon ein Gespräch entgegen. Besser gesagt: er irritierte meinen alten New Yorker Kollegen Simon Maddensen. Jener wies mich auf seltsame Ereignisse in Kairo hin. Doch auch Farid, der alte "Fremdenführer" aus Kairo selbst wusste nichts genaues. Irgendwas war im Tal der Könige geschehen, und selbst so ein gewitzter Kerl wie der alte Farid konnte sich das bisher nicht ansehen, da alles hermetisch abgesperrt war. Ich erzählte zwar den anderen von der Sache, aber anscheinend waren unsere Probleme hier akuter. Kairo sollte folgen, sobald wir die Statuette hatten.

Als Sofia den Kopf wieder frei hatte von ihrer Todesangst, wollte sie sich auf die Suche nach der verschwundenen Katzenstatue machen. Außerdem wurde angemerkt, dass ein Paket mit was-auch-immer in den Hotels angekommen sei, was wir dringend abholen mussten. Simon hatte die Eingebung, dass er wohl zu einem Kreuz auf seiner Straßenkarte müsse, um die Statuette finden zu können. Da es keine weiteren Anhaltspunkte über den Verbleib der Statue gab: gesagt, getan. Nun, Sofia wollte sich nicht von Louis trennen, ich mich nicht von Sofia und Marc sich nicht von den Frauen der Gruppe; so fanden wir vier uns in einem Wagen wieder, da kein Auskommen zwischen Louis und Simon war, und folgen den anderen dreien durch Brisbane. Allerdings sollten wir nicht so einfach an unser Ziel kommen: Bald bemerkten wir, dass wir verfolgt wurden. Das war nicht wirklich schwer bei dem Aufgebot an schwarzen Vans und Kampfhubschraubern. Per Handy wird schnell beschlossen, dass die Wagen in unterschiedliche Richtungen fahren sollen, damit man die Verfolger möglicherweise abschütteln kann. Doch schienen sie gerade uns zu mögen. Marc und Louis vermuteten, dass sie hinter Sofia her waren. Diese schien durch die Verfolger wieder halb in Todesangst zu schweben und war zu keiner Entscheidung fähig. Kurzerhand verabredeten Louis und Marc, dass man sich wieder trennte. Der Playboy schnappte sich Sof und wiederholte seinen Stunt, indem er mit ihr aus dem fahrenden Auto auf ein Hausdach sprang, während Louis beschleunigte. Doch auch wilde Fahrmanöver hingen die Vans hinter uns nicht ab. Wenigstens war der Kampfhubschrauber verschwunden, wenn ich auch meinte, Schüsse zu hören. Aber der Van war auch nicht besser; als ich in den Rückspiegel blickte, glitt dessen Tür auf und ein vermummter Kerl mit einem Raketenwerfer zielte auf uns. In dem Moment, als er abdrückte, riss Sofia, die aus irgendeiner Ecke herbei sprang, ihn herum und die Rakete erwischte "nur" eine Hauswand. Glücklicherweise hatte Louis sie auch bemerkt, riss das Steuer herum und wir sammelten sie ein. Diesmal teilte ich seine schlechte Laune, auch wenn Sof dies ihrem Gesichtsausdruck nach nicht verstand. Wir hatten sie aus der Gefahrenzone bringen wollen und sie katapultierte sich heldenhaft - oder dämlich? - wieder hinein.

Inzwischen hatten wir den Kontakt zu Simon ganz verloren. Louis fluchte, wo wir denn hin sollten, gerade mit den Kriegsanhängern im Nacken. Da meldete sich unerwartet Ceo Riabh. Für so einen riesigen Hund hatte er sich im Auto erstaunlich unbemerkbar machen können. Er wies mich darauf hin, dass ich noch die Geschenke meinen göttlichen Vaters hatte, die ich bisher (bis auf die Kette, die ich bei mir trug) unbeachtet in meinem Rucksack liegen hatte. Ich nahm den Stirnreif und kam mir ziemlich blöd dabei vor, in einem Auto während einer Verfolgungsjagd dem Ratschlag eines Hundes zu folgen. Ich schob mir den Reif ins Haar. Prompt hatte ich zwei Gewissheiten: Zum einen würde ich alles finden, was ich finden wollte. Und zum anderen würde ich alles sein können, was ich sein wollte. Um letzteres Dinge konnte ich mir später Gedanken machen. Ich konzentrierte mich auf die Uhr in meinem Gepäck und sah, wie ein schimmernd nebeliger Faden dorthin führte. Gut, es funktionierte. Ich wusste zwar nicht wie, aber das war in dem Moment egal. Katzenstatuette... Ich hatte nicht einmal die Ausbuchtung auf diesem Sarkopharg-Ding gesehen, das die anderen gefunden hatten. Wie wollte ich die richtige Statuette finden? Ich konzentrierte mich, so gut es mit quietschenden Reifen im Ohr ging und wieder erschien dieser milchig weiße, mit glitzerndem Staub durchsetzte Faden. Ich fuhr Louis an, abzubiegen. Perplex gehorchte er im ersten Moment. Auf seine Frage, woher ich das wusste, meinte ich nur, dass jetzt nicht die Zeit für Fragen sei. Es war nicht leicht, durch Brisbane zu manövrieren. Der Faden verlief weder nach einem Straßenmuster, noch kerzengerade in eine Richtung. Und dann waren da noch die Verfolger, die irgendwann verschwanden. Wann genau, konnte ich nicht sagen. Aber irgendwann realisierte auch ich, die ich mit dem Verlauf des Fadens beschäftigt war, dass sie weg waren. Wir waren auf dem Weg Richtung Hafen. Ich bekam noch mit, dass Louis irgendwann mit Marc sprach, den Simon aufgegabelt hatte. Und dass sie ebenfalls auf dem Weg zum Hafen waren. Ob zwei sich irren konnten?

Am Hafen sah ich den Faden in einem Verwaltungsgebäude verschwinden. Es deckte sich mit Simons Beobachtungen. Also brachen wir in das Gelände der Import/Export Firma ein. Doch leider hatten wir unsere Verfolger doch nicht abgehängt: Am Himmel tauchte ein Transporthubschrauber auf. Im ersten Moment dachte ich, die Fracht, die er abwarf, wären Bomben. Aber es kam schlimmer: anstatt zu explodieren, setzten sie eine unheimliche Fracht frei. Zwei mannshohe Schlangen aus glühenden Kohlen tauchten auf. Alles stob in verschiedene Richtungen. Miguel und Xin versuchten, die Schlangen direkt anzugreifen, während Louis Sofia deckte und Marc zu einem Kran verschwand. Ein kurzer Blick - und Simon und ich stürzten in Richtung Verwaltungsgebäude, in der Hoffnung, dort etwas zu finden, was gegen die glühenden Gegner helfen würde. Während Marc es irgendwie schaffte, eine der Schlangen mittels eines ISO-Containers unschädlich zu machen, fanden Simon und ich Feuerlöscher. So überraschten wir die Schlange, die uns folgte, indem wir sie regelrecht schockfroren. Leider musste ich feststellen, dass sie nicht komplett durchgekühlt war - der heiße Dampf versengte mir die Haut, als ich das Vieh mit dem Feuerlöscher zerschlug. Doch die Schlangen waren auch nicht ganz ohne gewesen. Miguel war gebissen worden und es ging ihm von Minute zu Minute schlechter. Marc versuchte, mit viel Singsang und beschwörendem Gefuchtel etwas gegen das Gift mit seinem Kelch zu brauen. Er sah selbst überrascht aus, als es Miguel nach einem Schluck tatsächlich besser ging.

Frisch gestärkt folgten wir weiter den Fäden in das Gebäude. Unser Weg führte - ich hätte es mir auch denken können - in den Keller. Kaum waren wir am Ende der Treppe, verdunkelte sich der Raum und eine handvoll ninjaähnlicher Gestalten tauchte aus der Dunkelheit auf und stellte sich uns in den Weg. Besser gesagt allen außer Sofia. Mir war es mittlerweile zu bunt und ich fuhr meinen Gegner einfach nur mit "Verschwinde!" an. Zu meinem Erstaunen tat er das auch postwendend. Ich sah gerade noch, wie Sofia um die Ecke bog und setzte ihr nach. Kaum war ich auch um die Ecke, wurde ich von irgendetwas festgehalten und musste mit ansehen, wie Sofia die gesuchte Statue hoch nahm. In diesem Moment löste sich ein Schatten aus der Wand und der Mann rammte Sof ein Messer in die Magengegend. Ihre Katze drehte durch, verwandelte sich in ein zwei Meter großes, schwarzes, geflügeltes Etwas und stürzte zusammen mit Ceo Riabh auf Sofias Widersacher, während sich bei mir die unsichtbaren Fesseln lösten. Ich sah die Statue fallen, für die Sofia ihr Leben geben wollte. Während die Tiere den Mann beschäftigt hielten, hechtete ich zur Statue. Plötzlich war der Mann verschwunden und Sofia lag schwer verletzt unter ihrer Katze, die niemanden an sie heran lassen wollte - bis sich Louis beherzt an dem Vieh vorbeidrückte.

Ich hielt noch immer die Katzenfigur in der Hand, als wir mit der verletzten Sofia in Richtung Autos hasteten - Plötzlich zischte es hinter uns. Die vom Container erschlagene Schlange war doch nicht in tausend Stücke zerbrochen. Sie wollte gerade ihren zerstörerischen Auftrag in die Tat umsetzen, als sie von jemandem zweigeteilt wurde. Ein Schwarzer im Anzug stand lässig mit einer Klinge über der Schlange. Simon schien zufrieden zu sein, den Mann zu sehen - und Louis drehte fast durch. Er hievte die verletzte Sofia in den Wagen und brauste mit uns los, da ich meine Freundin nicht allein lassen wollte. Er fluchte dabei leise etwas von Voodoogöttern vor sich hin. Doch er schien die Orientierung verloren zu haben, denn nach einigem Herumgekurve, fuhren wir wieder auf die anderen zu. Aus dem Augenwinkel sah ich, während ich mich um Sofia kümmerte, dass sich Simon dem Jeep in den Weg stellte; aber Louis dachte gar nicht daran, vom Gas zu gehen. Im Gegenteil, es kam mir fast so vor, als würde er noch einen Zahn zulegen. Er wirkte grimmig entschlossen, Simon den Garaus zu machen. Ein Ruck ging durch den Wagen, als wir auf Simon stießen und dieser über uns hinweg geschleudert wurde. Dann stieg Louis endlich in die Eisen, um nicht auch noch die anderen über den Haufen zu fahren. Der Schwarze - wie sich später herausstellte Kalfu - schien recht amüsiert über die Vorgänge und meinte zu Louis, dass er so die Freundin nicht retten könne. Er öffnete die Tür und machte irgendetwas mit Sofia. Ich konnte es nicht genau erkennen. Aber er meinte zu Louis, dass Sofia so sicherlich zur Klinik durchhalten würde. Eine kurze, hitzige Diskussion folgte. Sie endete damit, dass Louis und Simon Sofia in die nächstmögliche Klinik brachten und der Rest die Katzenstatue sicher in den "Cats' Club" zurück brachte. Marcs Blut würde sicherlich genauso gut sein wie das von Sofia, um die Statue wieder an ihren Ort zu binden - was auch immer sie damit genau meinten. Kalfu schloss sich uns an. Durch den Gott waren wir vor den Schergen der Titanen verschont: Anstatt durch die komplette Stadt zurückfahren zu müssen, führte er uns über eine Kreuzung und wir waren an unserem Bestimmungsort.

Während Kalfu den Sandsturm erledigen wollte, machten wir uns auf in den "Cats' Club". Im Keller des Clubs befand sich ein Sarkophag, auf den die kleine Statue passte. Marc schnitt sich theatralisch in den Finger und das sollte es gewesen sein. Miguel bekam einen Anruf und verschwand mit Xin. Kalfu wartete im Clubraum. Da alles nun angeblich vorbei sei und es hier für die Titanen nichts mehr von Interesse gäbe, wollte er Party machen. Marc, der einzige, der mit mir noch da war, sprang sofort darauf an. Kurz darauf kamen Miguel und Xin mit Simon im Schlepptau zurück. Louis war bei Sofia im Krankenhaus geblieben. Während sich der Club füllte, betätigte sich Simon kunstvoll hinter der Bar. Kalfu fand sich wieder zufrieden ein, und genoss die Menge um sich herum. Marcs Avancen wurden immer offensichtlicher. Zwar war mir durchaus klar, dass er damit Sofia reizen wollte - auch wenn sie gerade nicht da war - aber das machte mir in dem Moment wenig aus. Nach den letzten Tagen konnte ich etwas Ablenkung gut gebrauchen und warum nicht Marc? Wir verschwanden in einem separaten Teil des Clubs und später ins Hotel.

Am nächsten Morgen konnten wir zu Sofia. Marc konnte es nicht lassen und legte vor Sofia seinen Arm demonstrativ um meine Hüfte - aber den erhofften Effekt hatte das anscheinend nicht auf sie. Sie lamentierte, dass sie ihre Aufgabe nicht erfüllt hatte. Und dass Louis so abweisend war. Ich las ihr die Leviten, dass ausgerechnet der ach so abweisende Louis sich mit dem Titan und mit Kalfu regelrecht angelegt hatte, nur um sie sicher ins Krankenhaus zu bringen. Das ließ sie sehr kleinlaut werden. Und Kalfus Schutz vom vorigen Tag schien noch etwas weiter zu wirken, denn sie konnte das Krankenhaus auch wesentlich früher als geplant verlassen.

الشرقيةالبينية - Orientalisches Intermezzo Bearbeiten

Marc hat mich mehr oder weniger dazu überredet, mit nach Kairo mitzukommen. Eigentlich hatte ich erstmal zurück nach New Orleans wollen, aber auch gut. Gekündigt hatte ich schon - die Rücklagen aus der New Yorker Zeit waren noch ganz ordentlich. Und frei arbeiten war eh schon länger in meinem Hinterkopf gewesen.

Da Marc, Sofia und Simon erst einmal ins Museum wollten, um Marc einen Crashkurs in altägyptischer Geschichte zu geben, hatte ich mich abgesetzt. Ich war wohl nicht die einzige, denn Louis war plötzlich auch nicht mehr auffindbar.

Dass hier wohl mindestens genauso viel los war, wie in Brisbane, schient die vier nur peripher zu tangieren. Von mir aus. Somit hatte ich etwas Zeit, mich im Basar mit frischem Tee und anderen Kleinigkeiten einzudecken. Und zu telefonieren: Farid konnte nicht wirklich etwas Neues sagen, außer dass das Tal der Könige immer noch gesperrt war. Nur bestätigte er, dass die Artikel in den Zeitungen niemanden überzeugten - ein Sandsturm. Genau. Lag wohl an der Pressestelle; die Artikel waren auch grausam zu lesen.

Doch meine Freude an der ägyptischen Hauptstadt währte nicht lange. Marcs Anruf war schon beinahe panisch, dass man unbedingt nach Frankreich müsse. Ein Glück, dass ich meine Koffer noch nicht ausgepackt hatte...

La ville de l'amour ... et de l'Euro Disney Bearbeiten

les affaires ardentesBearbeiten

Im Flugzeug eröffnete und Marc dann, worum es wirklich ging. Da er seinem Vater gegenüber in einen riesiges Fettnäpfchen getreten war, gab es nur einen Weg sich zu beweisen: Er war für die Organisation eines Kriegsrats der Götter zuständig. Paris war unser Ziel. Aber warum Marc sich ausgerechnet Eurodisney in den Kopf gesetzt hatte? Simon unterstützte ihn dabei noch tatkräftig. Mir soll es nur recht sein. Aber uneingeschränkte Hilfe bot ich ihm nicht an. Ein "Nein" wollte ich mir noch vorbehalten. Auf die Frage, welche Götter denn teilnehmen würden und wie man diese erkennen sollte, wusste Marc auch keine rechte Antwort. Ihm war nicht gesagt worden, wer welches Pantheon vertrat. Er war sich nur sicher, dass die wenigsten absolut inkognito reisten - dafür würden sie Aufmerksamkeit zu sehr lieben.

Mein "Nein" setzte ich um, sobald wir in Paris ankamen. Obwohl Marc alle Suiten der Hotels und auch eigene Räume für uns reservierte, quartierte ich mich lieber bei Madame Martin ein. Ihre kleine Pension hatten Simon und ich während unserer Paris-Reportage entdeckt. Erfreut stellte ich fest, dass sich die gute Madame auch noch an mich erinnern konnte. Die Pension war der perfekte Ausgangsort für eine Pariserkundung. Marc würde sich schon melden, sobald er mich brauchte. Ich suchte mir ein kleines Bistro an der Seine, etwas abseits vom Touristentrubel, und rief Luc an, einen befreundeten Reporter aus Paris. Er war angenehm überrascht, wieder von mir zu hören, und umso mehr, dass ich tatsächlich in Paris war. Darum wunderte es ihn auch wenig, als ich ihn nach Neuigkeiten fragte. Behutsam wühlte ich mich durch Events hin zu Persönlichkeiten, die plötzlich erwartet wurden. Laut seinen Informationsquellen hatte das chinesische Top-Model Chan-Juan völlig unerwartet für eine winzige Modenschau in Paris zugesagt. Die jungen Designer waren vollkommen aus dem Häuschen. Außerdem war die gesamte Gourmet-Welt in heller Aufregung, denn der weltbekannte Meisterkoch Fushimi Tsukiya hatte einen spontanen Besuch angekündigt. Eine eigene kleine Veranstaltung hier in Paris. Für eine Karte würde mancher Feinschmecker hier töten. Nach einigem guten Zureden, wollte sich Luc um solche Karten bemühen.

Dass eine chinesische Gottheit in Gestalt des Models erscheinen würde, darüber war Marc schon unterrichtet. Der japanische Koch war ihm neu. Ich stürzte mich ins Pariser Nachtleben.

Nicht wenig überrascht war ich vom Anruf am nächsten Morgen: Louis hörte sich gut angeheitert an und lud mich in einen Park "zum Feiern" ein. Neugierig, wie er es trotz seines Fluchs geschafft hatte, so ausgelassen zu sein, kaufte ich ein wenig Baguette und Käse und vorsichtshalber auch etwas Wein für mich und machte mich auf den Weg. Nicht nur mich hatte Louis verständigt. Zu meiner Überraschung waren auch Xin und Miguel schon anwesend, wie auch immer die beiden nach Paris gekommen waren. Und ein Unbekannter. Dieser trank schon gut mit Louis, auf den sein Fluch gerade wenig zu wirken schien - oder anstatt zu Wasser wurde alles nun zu Alkohol. Lallend stellte sich der Kerl als Flint vor. Weder Marc noch Simon waren anwesend, was wenig verwunderlich war. Die heitere Stimmung von Flint und Louis schlug schnell um sich. Flint schien auch etwas mit den Göttern zu tun zu haben. Wir mussten ihm versprechen, seine Anwesenheit nicht zu erwähnen. Er war nicht sonderlich gut auf die Obersten zu sprechen und hielt den Kriegsrat für Zeitverschwendung. Sofia meldete sich bei mir, dass sie gerade in Paris angekommen sei. Ich gab ihr noch durch, dass wir in Disneyland untergebracht waren und dass fast alle sich gerade im Park aufhielten. Ich war nicht wenig erstaunt, dass sie nach einiger Zeit tatsächlich im Park auftauchte. Da sich Marc nicht hilferufend an uns wandte, verlagerte sich das Geschehen als es dunkel wurde Richtung Montmatre. Irgendwie fanden uns Simon und Marc dort - sehr zum Missfallen von Louis. Denn plötzlich war auch Flint verschwunden.

Am nächsten Morgen reiste der erste Gott an: Baldr, der Liebling des Pantheons, wird die Asen vertreten. Sofia nahm sich ihm auf Marcs Bitte an, was ihr gar nicht so unrecht war. Vermutlich besser als irgendetwas asiatisches. Xin  war schon nicht mehr ansprechbar, da er mit den Vorbereitungen für das Model alle Hände voll zu tun hatte. Marc fragte mich wegen ihr tatsächlich, wo man hier einen Jadethron her bekäme - als ob es diese in Massen gäbe. Ich verwies ihn an ein Museum. Er bat mich nur noch, dass ich mich um den Vertreter der Iren kümmern sollte, was ich schon erwartet hatte. Aber weit und breit gab es noch keine Anzeichen, wen ich zu erwarten hatte und vor allem wann. Als ich am späten Nachmittag in meine Pension zurück kam, wartete dort Wildrose auf mich. Ich freute mich übermäßig und Ceo Riabh war begeistert - aber es schlich sich auch ein leicht mulmiges Gefühl in meine Magengegend. Ihr Erscheinen hieß, dass mein Vater am Kriegsrat teilnehmen würde. Und ich wusste nicht so recht, ob ich ihn kennenlernen wollte. Nein, kennenlernen wollte ich ihn schon. Aber es ging nicht in meinen Kopf, dass mein vielbeschäftigter bisheriger Dad eben nicht mein Dad sein sollte. Ich brachte Wildrose sehr zur Freude Marcs nach Eurodisney. Wir richteten die Suite nach Lughs Wünschen her. Viel war es nicht: ein ordentlicher Vorrat an Met und Ale und Verbandszeug. Um Essen würde sich das hauseigene Restaurant schon kümmern. Laut Wildrose würde Lugh erst kurzfristig zur Konferenz erscheinen, da er gerade aktiv gegen die Titanen kämpfte. Ich hatte also noch Zeit. Und viel Freizeit, da sich Wildrose um das weitere Ambiente in der Suite kümmern wollte. Ich überließ ihr Marcs Kreditkarte. Meine spärlichen Ausgaben konnte ich auch von meinem eigenen Geld bestreiten.

Am nächsten Morgen war der verheerenden Waldbrand im Südwestens von Paris überall in den Nachrichten. Am frühen Nachmittag rief man mich an: Der Brand im Forêt Domaniale de Verrieres hatte eine übernatürliche Ursache. Die menschliche Feuerwehr würde nie dagegen ankommen. Man hätte einen Plan und jede Hilfe war willkommen. Natürlich sagte ich zu. Der Feuersalamander, der für den Brand verantwortlich war, würde nur ein schlechtes Licht auf Marc werfen, wenn er nicht unschädlich gemacht wurde. Kaum war ich bei Miguel und Louis angkommen, nahm dieser uns zur Seite. Simon und Sofia organisierten gerade Feuerwehrauto, Stickstofftanks und ein Löschflugzeug. Aber wir könnten noch andere Hilfe bekommen. In einer Seitenstraße wartete Flint. Er bot uns Hilfe an - allerdings durften nur Miguel oder ich sein Geschenk annehmen. Louis war schon gestraft genug, was dieser schmollend hinnehmen musste. Flint zog ein Schwert hervor. Es würde helfen, sich gegen das Feuerwesen stellen zu können. Mir war etwas mulmig zumute. Ich hatte noch nie ein Schwert geführt. Ich sah das Leuchten in Miguels Augen. Flint blickt zwischen uns beiden hin und her und meinte, wir könnten uns so einigen oder aber wir könnten darum spielen. Ich wollte Miguel gerade die Waffe überlassen, als mich irgendetwas überkam. Kleinlaut beigeben bei einem Spiel? Niemals!

Bevor Miguel die Waffe ergreifen konnte, stimmte ich dem Spiel zu. Flint schmunzelte und zauberte ein Kartendeck hervor. Wir zogen Karten und das Schwert fiel an mich. Miguel war alles andere als begeistert. Flint drückte mir den Griff in die Hand. Mir fröstelte leicht. Schnell schlang er ein Band um meine Hand und das Heft und murmelte einige fremdartige Worte. Dann sagte er, Frostbrand wäre an mich gebunden. Ein Schwert aus dem Zahn der Riesin Ymir. Er wünschte mir Glück und verschwand grinsend. Jetzt hatte ich nur ein Problem: Ich wusste nicht, wie man mit einem Schwert, geschweige denn einem Anderthalbhänder, umgehen musste. Miguel hätte es gewusst. Und für einen Crashkurs in Sachen Schwertfechten blieb keine Zeit. Sofia und Simon stießen zu uns. Xin wurde von seiner Göttin aufgehalten und Marcs Anwesenheit war anderswo erwünscht. Während wir uns mit Brandschutzsalbe in Feuerwehruniformen zwängten, machte sich Simon auf Richtung Löschflugzeug. Wir besprachen gerade unseren waghalsigen Plan, als Sofia einen Anruf bekam. Gut gelaunt verabschiedete sie sich von uns, ihr Typ werde anderswo gebraucht. Also waren wir nur noch zu viert. Toll.

Miguel, Louis und Simon koordinieren ihren Einsatz noch. Das Flugzeug brauchte länger als erwartet. Und Timing war alles. Wir suchten uns erst einmal mit dem Löschzug unseren Weg zum Brand.

Doch anscheinend konnte sich Sofia nicht so richtig entscheiden, was sie nun tun wollte. Sie meldete sich bei mir, dass sie uns nun doch helfen wollte. So warteten wir auf sie, bevor wir uns der Feuerwehr anschlossen. Der Aufzug, in dem Sofia schließlich auftauchte, gehörte definitiv in die Kategorie "unpassende Kleidung": Im Cocktailkleid und komplett gestyled wollte sie dem Feuersalamander den Garaus machen. Den Feuerwehranzug zog sie sich zwar noch über, aber die Brandschutzsalbe sagte ihr nicht mehr zu, da sie später wieder Unmengen an Shampoo bräuchte, um die Salbe aus den Haaren zu bekommen. Das war für mich immer noch besser, als potentiell ohne Haare aus der ganzen Angelegenheit wieder herauszukommen. Aber ich hatte andere Probleme, als Sof wegen solcher Kommentare zur Schnecke zu machen. Manche lernen es eben nur auf die harte Tour. Louis und ich redeten mit den Feuerwehrleuten. Wir waren also eine Spezialeinheit der Lyoner Feuerwehr. Man beobachtete uns zwar leicht misstrauisch, aber jede Hilfe wurde benötigt, da irgendetwas die Feuer immer wieder anfachte und man einfach nicht zum Brandherd durch kam. Der Hauptmann würde Augen machen, wüsste er, was da wirklich los war. In irgendeine Richtung zeigend, machten wir uns auf zum Minivan, den Miguel mitgebracht hatte. Mit ihm fuhren wir wie ein Selbstmordkommando weiter in die Flammen.

Louis entledigte sich seines Anzugs. Hitze von Feuer machte ihm dank seines Vaters nichts aus. Stattdessen warf er sich in eine Hercules-Theme-Park-Rüstung und steckte sich ein Schwert und seinen Schmiedehammer an die Seite. Als es zu heiß für den Van wurde, machten wir uns zu Fuß weiter Richtung Brandherd. Sofia hatte sich ein Maschinengewehr geschnappt. Auch Miguel hatte sich mit schweren Waffen eingedeckt. Außerdem hielt alles von ihm Abstand, da er auf seinen Sprengstoff bestanden hatte. Ich hatte Frostbrand gezogen. Von dem Moment an, als ich das Schwert in den Händen hielt, war die Hitze der Flammen wie weggeblasen. Sie schienen sogar ein wenig vor mir zurückzuweichen. Zügig folgten wir den Schneisen, die die Löschflugzeuge schlugen. Sie hielten nicht lange, und direkt durch Feuer wollte noch niemand. Ich bemerkte, dass die Flammen, die mir zu nahe kamen, kurz in ihrer Bewegung erstarrten. Ein Flugzeug flog tiefer über uns hinweg als die anderen. Trotz der Entfernung, dem Rauch und den blendenden Flammen meinte ich, Simon auszumachen. Das Flugzeug warf etwas ab. Nicht weit vor uns prallte ein riesiger Tank auf den Boden. Kälte explodierte um uns herum, gefolgt von einer wütenden Feuerwand. Im letzten Moment konnte ich in Deckung springen. Miguel lag nicht weit, und Louis hatte sich schützend vor Sofia gestellt. Wenige Minuten später hatte ich weniger Glück. Der zweite Tank zielte auf den Salamander und eine weitere Flammenwand kam auf uns zu. Aber hier gab es keine Deckung mehr. Während sich Miguel und Louis der Welle entgegenstemmen konnten und Sofia zwar einen Großteil ihres Feuerwehranzugs einbüßte, aber elegant den Impuls mit einem Salto abfing, schleuderte es mich einige Meter weiter gegen ein Baumskelett. Jegliche Flammen in einem Umkreis von zig Metern waren erloschen. Eine Ascheschicht überzog alles. Sollte es so einfach gewesen sein? Vorsichtig näherten wir uns einem kleinen Hügel in der Mitte einer ausgebrannten Lichtung. Plötzlich schüttelte sich der Ascheberg und ein Feuerring schoss in den Himmel. Ich war mittendrin und mir sicher, dass es mein Ende war. Doch um mich herum gefror das Feuer regelrecht und zersprang in tausende Splitter, bevor es erlosch. Nach vorne war die einzige sinnvolle Richtung. Ein zweites Mal würde ich nicht freiwillig durch die Feuerwand gehen - Schwert hin oder her.

Der Salamander war riesig. Wesentlich größer, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Louis war ebenfalls innerhalb des Feuerrings. Seine Rüstung war dahin geschmolzen und er prügelte auf das Untier ein. Versuchsweise führte ich das Schwert mit aller Kraft gegen die Seite des Tiers. Verfehlen konnte ich nicht, aber effektiv war ich damit auch nicht. Ungeübt hatte ich keine Möglichkeit, irgendeine Schwachstelle auch nur ansatzweise erkennen zu können. Und alte Filmweisheiten wie "Immer auf die Augen" waren wesentlich schwerer umzusetzen, als man glauben mochte. Auch Louis schien kein besonderes Glück zu haben. Ich kam ihm in meinen unzureichenden Versuchen immer näher, und sah, dass auch sein Schwert mittlerweile geschmolzen war. Um mich herum war es angenehm kühl, aber Louis' sah man an, dass es ziemlich heiß war, vielleicht schon zu heiß für ihn. Eher nebenbei bekam ich mit, dass Simon einen Stunt aus dem Flugzeug machte und mit einem Fallschirm zufälligerweise auf dem Biest landete. Es scherte sich wenig um den Schwarzen, behandelte ihn eher wie eine lästige Fliege und zermalmte ihn. Irgendwoher kam Miguel durch die Flammenwand geschossen und nahm den bewusstlosen Simon mit sich. Louis und ich waren wieder allein.

In dem ganzen Durcheinander und Lärm schrie mir Louis irgendetwas zu. Er wappnete sich mit seinem Schild, das auch schon im Begriff war, den Geist aufzugeben. Mehr intuitiv als irgendetwas sonst folgte ich ihm. Ich hatte keine Ahnung, was er vor hatte. Indem er sein nutzloses Schwert gegen den Kopf des Salamanders donnerte, zog er die Aufmerksamkeit des Kolosses auf sich. Louis setzte zum Sprung an. In einem gewaltigen Satz drehte er sich, und stieß das Schild mit der vollen Wucht seiner Beine gegen den Kopf des Salamanders. Vom Impuls mitgezogen, hielt ich das Schwert wie einen Speer und trieb ihn, Louis knapp verfehlend, tief in den ungeschützten Hals der Bestie. Der Salamander brüllte schmerz- und hasserfüllt auf. Doch anstatt sich auf uns zu stürzen, gefror er in seinen Bewegungen. Abwechselnd wurde es heiß und kalt - jetzt da ich Frostbrand nicht mehr in den Händen hatte, spürte ich die Hitze nur umso mehr. Ein letztes Mal bäumte sich der Salamander in einem Hitzeschwall auf, dann erstarrte er und wurde von einer Eisschicht überzogen. Entschlossen packte Louis seinen Schmiedehammer, nahm Anlauf und versetzte dem Eissalamander in einem gewaltigen Satz einen Schlag. Es klang eher nach einem Gong, als nach Glas oder splitterndem Eis - der Salamander zersprang, Frostbrand lag auf dem Boden. Nach einigen Minuten Verschnaufpause war nun unser größtes Problem, unbemerkt mit unseren mehr oder minder Verletzten vom Brand zu entkommen, bevor uns die Feuerwehr zusetzte. Louis informierte Marc, dass alles erledigt war.

les divertissements divinsBearbeiten

Ich war froh, als ich endlich die Brandsalbe aus den Haaren hatte. Wenigstens waren diese trotz des in Mitleidenschaft gezogenen Feuerwehranzugs unversehrt. Im Gegensatz zu denen von Sofia - ihre Haare waren nun ein ganzes Stück kürzer. Ich kam gerade aus dem Bad, als es an meiner Tür klopfte. Sofia wollte mit mir sprechen, fragte mich mit unheilsschwangeren Blick nach meiner Zeit. Schulterzuckend bat ich sie herein - es war weit und breit immer noch nichts von Lugh zu sehen, somit hatte ich Zeit. Der Kriegsrat begann ja erst übermorgen. Sie druckste etwas herum, bevor sie mit der Sprache herausrückte, dass sie sich Sorgen um Louis machte. Er schien wenig an ihr interessiert zu sein, seit er den Fluch auf sich lasten hatte - welch ein Wunder. Und er ließe sich auch nicht helfen. Sofia wolle ihm ein wenig die Last abnehmen, und wenn es nur durch Reden ist; und da kam ich ins Spiel: der Kanadier schien sich sehr gut darauf zu verstehen, sich aus "Wir sollten Reden"-Situationen herauszuwinden und alles aufzufahren, was er an Verteidigungsmechanismen aufzuweisen hatte. Sofia war sich aber sicher, dass er zwei Frauen nicht entkommen konnte. Ich konnte ihre Sorge verstehen; allerdings beschäftigte mich der Kriegsrat, Frostbrand und mein Dad etwas mehr als Louis' Fluch. Aber da ich nichts weiter zu tun hatte oder nichts weiter tun konnte, stimmte ich zu, ihr mit Louis etwas zu helfen. Wir machten uns also auf gen Eurodisney. Aber Louis war nicht in seinem Hotelzimmer. Einen Angestellten zu überreden, das Zimmer für uns zu öffnen, war nicht weiter schwer - es waren immer noch Franzosen. Anzügliche Andeutungen konnte ich getrost übergehen. Also begann das Warten. Sofia erklärte mir noch, dass sie unbedingt erreichen wollte, dass Louis das Gefühl hatte, man würde sich um ihn und sein Schicksal kümmern, dass er nicht allein wäre. Auch gut. Ceo Riabh genoss, dass ich Zeit für ihn hatte. Plötzlich meldete sich Simon bei mir. Ich entschuldigte mich kurz bei Sofia, die wenig begeistert war. Also ob sie Angst hätte, dass Louis ihr wieder entwischte. Also auf zu Simon. Der wollte mir jedoch nur etwas klar machen, was ich selbst schon längst bemerkt hatte: Wir sollten wohl eine Gruppe sein, da unsere Gegner recht stark waren. Dass er Schicksalsfäden zwischen uns sah, war mir allerdings neu. Er gab mir einen kurzen Abriss über diese Fähigkeit und meinte, dass ich wohl mit dem Finden der Gegenstände eine ähnliche Gabe hatte. Vielleicht ließen sich diese irgendwann verbinden. Doch zurück zum "Team": Von Einigkeit waren weit und breit wenig zu sehen. Im Gegenteil - wir hatten richtige Kleinkriege laufen und jeder machte nur sein Ding. Richtig widersprechen konnte ich Simon nicht. Doch an unserem Zusammengehörigkeitsgefühl ließ sich frühestens nach dem Kriegsrat arbeiten. Und so sehr sich Simon auch für Einheit aussprach, war er selbst doch einer derjenigen, die Zwistigkeiten herausforderten. Also wieder auf zu Sofia. Louis war immer noch nicht aufgetaucht und Sofia hatte es sich zwischenzeitlich auf seinem Bett gemütlich gemacht und vor sich hingedöst. Ob das so eine gute Idee war?

Endlich tauchte Louis auf, aber er war wenig begeistert über unseren Besuch. Noch weniger, als Sofia ihm eröffnete, das wir "nur reden" wollten. Er verabschiedete sich erst einmal ins Bad. Ein paar Minuten mehr oder weniger Warten, machte nun auch nichts mehr. Plötzlich zogen einige Schmetterlinge, die vor dem Fenster gaukelten, meine Aufmerksamkeit auf sich. "Kleiner Schmetterling" schoss es mir durch den Kopf und Unruhe erfasste mich. Auch Ceo Riabh war aufgeregt. Ohne viel Aufhebens verabschiedete ich mich von einer sichtlich verwirrten und entnervten Sofia. Sie würde das mit Louis auch ohne mich schaffen. In der Lobby traf ich Wildrose. Überrascht war ich nicht wirklich darüber. Sie bestätigte, dass Lugh ankommen würde. Schnell waren zwei Wägen organisiert. Auf meine Frage, wo Lugh denn ankäme, wusste Wildrose auch keine genaue Antwort. Wir sollten aufs Land fahren, ins Grüne. Sie würde den Gott schon finden.

An einer ausgedehnten Weide lies Wildrose den Fahrer halten. Ich harrte also der Dinge, die da kommen würden - daraus schien ja bisher der ganze Tag zu bestehen - dann tauchten ohne großes Brimborium fünf Männer und einer Meute Hunde auf der Wiese auf. Sie kamen einfach gelaufen. Und in der Mitte mein Vater... also, mein Dad... nicht irgendein Gott, sondern Luke (verdammte Namensähnlichkeit!), von dem ich ein Foto im Geldbeutel und meine Mum ein halbes Dutzend Fotoalben voll hatte - und der versucht hatte, zumindest an Weihnachten und zu Geburtstagen da zu sein. Ich konnte nicht anders, als mich freuen und ihn umarmen. Darum traf es mich umso mehr, dass er verletzt war. Er stellte mir seine vier Begleiter vor. Sidhe - Feenwesen wie Wildrose, nur diesmal die Kämpferausgabe. Sie wirkten alle sehr ernst. In diesem Moment fast göttlicher als mein Dad. Das einzige, was an diesen Momenten störte, war Marcs penetranter Versuch, mich zu erreichen. Im Auto kam es dann zu einem ersten eher ungelenken Gespräch. Lugh entschuldigte sich förmlich dafür, dass mir ein normales Leben vergönnt sein wird - aber die harten Zeiten erfordern solche Maßnahmen. Und sein Zustand - bisher der einzige verletzte Gott, den ich mitbekommen hatte - ließ daran keinen Zweifel. Zumindest gehörte er wohl zu denen, die aktiv in den Kämpfen mitmischten. Er kam direkt von einem der Schlachtfelder. Nun wüsste ich, warum er so selten zu Hause war. Meine Mum hingegen kannte nur seinen menschliche Form als Luke Connolly, der Journalist. Und er würde es auch gerne dabei belassen. Während des Gesprächs musste ich mehrfach Marc wegdrücken, der immer noch überaus penetrant versuchte, mich zu sprechen und das Abweisen einfach nicht hinnehmen wollte. Schließlich wollte Lugh das Handy haben, als ich es gerade abschalten wollte. Schnell war Marc zu meiner Belustigung sehr kleinlaut und ließ sich zum Essen zitieren.

Marc brachte sich Verstärkung mit: Simon nahm die nachträgliche Einladung gerne an. Und auch Xin wurde hereingebeten, bevor er wieder verschwinden konnte - er hatte versucht, ein Foto von Lugh zu ergattern. Bei einem opulenten Mahl saßen wir nun. Marc bekam gleich - sehr zu meiner, aber auch Simons und Xins Belustigung - die väterliche Fürsorge zu spüren. Ihm wurde ein göttliches Donnerwetter prophezeit, sollte er es wagen, irgendwann Anlass zu geben, dass ich leiden muss. Simon hingegen versucht sich wieder als Unruhestifter - und das trotz seiner Predigt von Einheit und Gruppengefühl: Er erwähnte Frostbrand, wohl in Erwartung eines Donnerwetters von Seiten Lughs. Das wäre für Simon nur eine Bestätigung gewesen, hatte er sich doch schon vorher darüber moniert, dass wir Frostbrand einfach so angenommen hatten. Allerdings dachte mein Vater gar nicht daran, mir Vorhaltungen zu machen. Er wollte das Schwert sehen. Nach eingängiger Betrachtung meinte er lapidar, dass er eh erwartete, dass sich seine Kinder an Questen versuchen. Das war bei den Iren schon so etwas wie Tradition. Und diese Queste schien ihm angemessen. Simon war baff. Danach erst versuchte Simon, mich in höchsten Tönen zu loben. Auch wenn der den Großteil einen ehrlich gemeinten Kern hatte, war ich ob der honig-triefenden Formulierungen misstrauisch. Als die anderen Götterkinder sich verabschiedet hatten, folgten noch ein kleines, privates Gespräch. Und die Verabredung mit Sofia am nächsten Morgen zum Frühstück.

Sofia war sichtlich verwirrt, als ich am nächsten Morgen mit Luke im kleinen Cafe aufkreuzte. Nervös blickte sie immer wieder zu mir. Auf der Toilette macht sie sich ernsthafte sorgen, dass sich Luke und mein "göttlicher Vater" begegnen könnten. Dass Lugh schon die ganze Zeit seelenruhig mit ihr plauderte, machte mir das Frühstücken schwer. Ich musste an mich halten, nicht vor Lachen auf dem Boden zu liegen, vor allem, da er selbst einen großen Spass an Sofias ausweichenden Antworten zu haben schien. Doch es wäre durchaus zu viel verlangt gewesen, das Frühstück in Ruhe genießen zu können: plötzlich hörte ich gedämpfte Schreie. Sofia waren sie auch zu Ohren gekommen. Bei meinem Dad zweifelte ich nicht daran. Sofia entschuldigte sich kurz mit einem vielsagenden Blick zu mir, und wir machten uns auf zur Hintertür des Cafes. Ein kurzer Blick, und ich machte mich wieder auf, Richtung Küche. Ein Basilisk - dass es einer war, hatte ich erst später erfahren - trieb hier sein Unwesen. Zwei Passanten hatte er schon zu Stein verwandelt. Die Küche war der wahrscheinlichste Ort für eine Waffe, da ich Frostbrand natürlich nicht dabei hatte, und der Weg reichte auch für einen Notruf an Marc. Aus den Augenwinkeln sah ich Sofia bereits akrobatisch davonhüpfen.

Der Küchenchef brauchte einige Momente der Überredungskunst, bevor er sein größtes Messer freiwillig herausrückte - leider zu viele, als dass es noch gut um Sofia stand. Unbewaffnet hatte sie sich auf das Vieh gestürzt, welches gerade im Begriff war, sie ebenfalls in eine hübsche, kleine Statue zu verwandeln. Verdammter Alleingang! Bevor ich irgendetwas tun konnte, flog ein Speer an mir vorbei und vernichtete den Basilisken. Am Eingang der Gasse stand Lugh, in einer wahrhaft göttlichen Erscheinung; anders kann ich es einfach nicht beschreiben. Aus der Rüstung glänzte es golden, seine Haare standen wie eine Flammenenkrone hinter dem maskenartigen Helm und es war, als wollte mich etwas zu ihm ziehen. Er ging auf Sofia zu, die ihn ebenfalls gebannt anstarrte. Schmerzen standen ihr trotz ihrer Bewunderung immer noch ins Gesicht geschrieben. Was er ihr genau sagte, daran erinnere ich mich nicht mehr. Er heilte sie von den sicht- und unsichtbaren Verletzungen, die ihr ihre heldenhaften Aktionen beigebracht hatten, was sie vor bleibenden Lähmungserscheinungen bewahrte. Man sah förmlich, wie die Erkenntnis sich ganz langsam in ihren Kopf und ihren Gesichtsausdruck schlich, dass der Gott vor ihr mein Vater war. Schon kamen die anderen ganz außer Atem von ihrer rasanten Taxifahrt an den Ort des Geschehens. Miguel schien sichtlich beleidigt, dass der Kampf schon vorbei war. Und Lugh meinte, dass seine göttliche Präsenz sich wohl besser aus Paris verabschiedete, bevor noch andere, größere Dinge als dieser Basilisk auftauchten. Sofias Heilung hätte ein ganzes Stück göttlicher Macht benötigt und das Chaos wäre unvorstellbar, bliebe er noch länger. Sofia steckte noch schnell die beiden Augen ein, die als einziges vom Baskilisk übrig geblieben sind. Lugh deutete an, dass sie durchaus noch mächtig wären. Simon bot sich an, sich um die beiden Menschenstatuen zu kümmern, die auch ein Gott leider nicht mehr zum Leben erwecken konnte.

So kam ich auch schnell auf den nächsten Punkt in meiner Abarbeiten-Liste: Ich hatte nun Frostbrand und keine Ahnung davon, wie ich das Schwert führen sollte. Und jetzt nach der Sache mit dem Basilisken, war mir das nochmal in Erinnerung gerufen worden. Lugh verwies mich an die vier Sidhe, die mit ihm gekommen sind. Aber er hält auch Miguel für einen guten Ansatzpunkt. Ich hielt mich erst einmal an die Sidhe, solange ich auf sie zurückgreifen konnte.

Mein Dad zog sich zurück, und mein Handy klingelte wieder einmal. Ich war tatsächlich erstaunt, dass Miguel mich beinahe panisch anrief. Der Vertreter seines Pantheons war da und Miguel war vollkommen überfordert. Quetzacoatl war das völlige Gegenteil eines Kämpfers und seine Forderungen entnervten den armen Miguel. Ich machte mich auf zum Appartementhaus, in dem der Aztekengott untergekommen war - nicht in Eurodisney - und wurde dort von Simon hochgelotst. Während Simon mir grinsend von Louis und Sofias kleinem Stelldichein erzählte, war Miguel fast am Rande des Nervenzusammenbruchs. Innerlich war ich schon ein wenig angepisst - ich missgönnte Sofia ihr kleines Abenteuer nicht, aber anstatt Butter bei die Fische zu geben, dass ich nur Anstandswauwau spielen sollte, kam sie lieber auf die Fürsorgeschiene... Grummelnd half ich Simon, Miguel und den Gott inklusive Gefolge bei Laune zu halten, bis Quetzacoatl plötzlich ein Aktmodell verlangte. Nicht, dass ich prüde wäre, aber irgendwie stand mir in dem Moment wenig der Sinn danach, für irgendwen zu posieren. Also ein kurzer Anruf bei Marc. Ich war mir ziemlich sicher, wen er schicken würde. Und tatsächlich. Keine zwanzig Minuten später stand Sofia auf der Matte. Miguel hatte ein Grinsen im Gesicht und versuchte, die Fotofunktion seines Handys zu aktivieren. Ich drückte ihm meine semiprofessionelle Kamera in die Hand, die ich noch vom Parisrundgang in der Handtasche hatte und verabschiedete mich. Da meldete sich Marc wieder bei mir. Zum einen war ein Kennenlerntreffen angesetzt am nächsten Nachmittag, das die Anwesenheit meines Vaters verlangte. Und Agni, ein indischer Gott, hatte eine Willkommensparty am nächsten Abend geplant, die man auch nicht wirklich ausschlagen sollte. Ich gab meinem Dad Bescheid und während Wildrose sich um mich kümmerte, schloss ich mit dem Tag ab. Dachte ich zumindest, denn Marc hatte ein Händchen dafür, sich immer im ungünstigsten Moment zu melden. Ich war schon fast eingeschlafen, da rief er noch einmal an und bestellte mich für den nächsten Tag zu seinem Dad. Nicht vor elf Uhr sollte ich dort eintreffen, aber es war wichtig...

Ménage à "fond"Bearbeiten

Da ich nicht wusste, wie lange das Gespräch mit Sobek dauern würde und wie viel Zeit mir dann zum offiziellen Kennenlerntermin blieb, holte ich neue Kleidung aus der Pension. Dort fand ich eine kunstvoll gearbeitete Miniaturausgabe des Feuersalamanders auf meinem Nachttisch. Aber Zeit, um Louis zu suchen und mich zu bedanken, hatte ich gerade nicht. Marc erwartete mich schon zum Treffen mit seinem Vater. Sobek ließ sich ein ausgedehntes Frühstück bringen, zu dem er uns einlud. Er fragte, wie sein Sohn sich schlug. Ich war nicht wirklich scharf darauf, Marc irgendwie in den Rücken zu fallen - er hatte sich ja bisher auch erstaunlich gut geschlagen, trotz der gelegentlichen Beinahe-Panikattacken. Regeres Interesse hatte der bisher eher gemütlich wirkende Gott an Frostbrand. Ich lies das Schwert für ihn holen. Er schenke der Klinge große Aufmerksamkeit. Was er davon hielt, dass mich die an das Schwert gebundene Quest derzeit wenig störte, konnte ich nicht an seiner Reaktion ablesen. Dann entließ uns Sobek, um sich für das erste Treffen vorzubereiten - nicht ohne zuvor meine Gesellschaft für den Abend zu fordern. Grinsend spielte mir Marc auf dem Gang eine Tonaufnahme vor: Sofia war anscheinend am Abend zuvor noch Sobeks "Gesellschaft" gewesen - wohl nach der Malstunde bei Quetzacoatl. Schmunzelnd hörte ich zu und verschwieg geflissentlich die Bilder auf der Kamera.

Das Kennenlerntreffen war hingegen nicht sehr erfreulich. Zum einen war alles sehr formell und steif und die Hälfte der Götter schien sich eher unwohl dabei zu fühlen, während die andere Hälfte voll in der Formalität aufzublühen schien. Zum anderen hatten wir zwei mehr oder minder kleine Probleme: Baldr war nicht anwesend und Sofia hatte jeglichen Kontakt zu ihm verloren. Zudem zog mich Sofia beiseite. In einer Vision hatte sie den Untergang von Paris, den Göttern und der Welt gesehen. Sie hatte ein Bild im Kopf vom Ausgangsort, wusste aber nicht, wo das war. Eine Raffinerie. Ich versprach ihr, mich darum zu kümmern und setzte Luc auf die Fabriken an. Er hätte gerne mehr erfahren als das Dürftige, was ich ihm erzählen konnte. Und es tat mir auch Leid, nur wenige Informationen liefern zu können. Aber er versprach, eine Liste der Raffinerien um Paris herum zu besorgen - inklusive Bilder.

Währenddessen hatten sich die anderen eingefunden und versuchten, Baldr ausfindig zu machen. Aber er war nicht in seinen Räumen und wohl auch nicht in Eurodisney. Aber niemand hatte irgendwelche Anhaltspunkte. Also holte ich wieder mein Diadem. Der silbrig weiße Faden, der sich beim Gedanken an Baldr formte, wies in Richtung Paris Stadt. Die anderen organisierten schnell Autos und so machten wir uns in die Stadt - inklusive der Eskorte für mich, die mein Dad abgestellt hatte. Es war kein gutes Viertel, in das der Faden uns führte. Rotlichtmilieu der untersten Schiene. Er leitete uns direkt an ein Bordell. Während ich an die Tür klopfte, machten sich Xin, Miguel und Louis in den Hinterhof in das Gebäude. Niemand öffnete uns. Nach ein paar Minuten stand Louis an der Tür. Im Parterre lagen einige bewusstlose Männer, Format Schläger. Vorsichtig machten wir uns auf in das obere Stockwerk. Doch auch hier waren keine potentiellen Angreifer. Nur ein Gott inmitten aufgelöster, junger, mehr schlecht als recht bekleideter Mädchen. Baldr versuchte, die Mädchen zu beruhigen. Er habe auf seinen Streifzügen durch Paris hier großes Leid gefühlt und nicht umhin können, eine helfende Schulter zu bieten. Zuerst war ich gerührt von dem Anblick. Aber je länger ich der Erklärung Baldrs lauschte und der Verlautbarung, dass die Mädchen auf keinen Fall zurückgelassen würden, desto mehr hätte ich Baldr am liebsten eine übergezogen. Wenn man ihn ansah, konnte man das Bedürfnis, Trost zu spenden, übermäßig spüren - doch bei einer Stadt der Größe Paris war ich mir sicher, dass es noch Dutzende ähnlicher Etablissements gab, und wollte der Gott da auch allen Mädchen Händchen halten? Wenigstens bot er an, die Mädchen mit seiner Privatmaschine ausfliegen zu lassen, wenn wir sie nur da hin brachten. Während dieses Hin und Hers erledigten Louis, Miguel und kaltes Wasser noch mehr oder minder blutig einige Schläger, deren Boss vermutlich das Bordell gehörte. Völlig entnervt bat ich Simon, doch etwas für die Mädchen zu organisieren. Anstatt private Limousinen anzufordern, hielt er einfach einen Busfahrer an und gab Baldr als berühmten Rockstar und die Mädchen als dessen Groupies aus. So kamen wir fast unbehelligt zum Flughafen, checkten die Ladies ein und holten Baldr zurück zu den Göttern.

Dieses kleine, eher nervige Zwischenspiel hatte ein Gutes: Es hatte Luc die nötige Zeit verschafft, mir die Raffinerien für Sofia herauszusuchen. Ich brachte ihr die Fotos. Außerdem wollte ich wissen, warum sie nicht alle in ihre Vision einweihte. In einigen kurzen Gesprächen hatte ich mitbekommen, dass bei weitem nicht alle von ihren düsteren Ahnungen wussten. Sofia wand sich: Man könne hier doch eh nichts geheim halten und sie fühlte sich nicht ernst genommen. Alles passiere hinter ihrem Rücken. Sie war baff, als ich lapidar meinte, dass das normal wäre, wenn sie sich lieber durch Götter und deren Kinder poppe, anstatt mit uns allen zu reden. Irgendwie hatte doch jeder mit den anderen zu tun. Gruppengefühl hin oder her - Verschweigen war diesem sicherlich nicht förderlich. Beleidigt schickte mich Sofia weg, da sie sich erst einmal durch den Stapel Information wühlen musste. Und außerdem stand Agnis Fest an.

Ich ließ mich also von Wildrose wieder herrichten. Ihr schien das wesentlich mehr Spass zu machen als mir und sie hatte dafür ein wesentlich besseres Händchen und Auge. Das Fest begann fast wie das nachmittägliche Kennenlerntreffen etwas steif. Aber Marcs und Sobeks kräftige Mithilfe in Form eines Escortservices machten daraus schnell eine erheiternde Party - und die meisten Götter sprangen gerne auf die ausgelassenere Stimmung an. Und nicht nur die Götter. Simon nahm mich beiseite. Er drückte mir sein altes, mit schon teigigem Leder bezogenes Grimoire in die Hand und wies mich an, eine gewisse Seite zu lesen. Es war eine Formel voller okkulter Wendungen. Kaum war ich fertig, breitete sich vor mir ein Netz mehr oder minder stark leuchtender Fäden aus. Sie waren derer nicht unähnlich, die ich sah, wenn ich Gegenstände verfolgte. Nur verbanden die Fäden Menschen, Götter und Götterkinder untereinander. Das war es also, was Simon sah, wenn er es wollte. Doch natürlich war seine Motivation alles andere als selbstlos. Zuerst lenkte er meinen Blick auf die recht starken Fäden, die zwischen den Mitgliedern unserer Gruppe verliefen. Auf der Party war das nicht weiter schwer auszumachen, auch wenn die Götter zahlreiche wesentlich heller leuchtenden Verbindungen aufwiesen. Dann wies er auf Louis. Auch von diesem gingen die Fäden aus - doch im Gegensatz zu uns anderen umgab ihn ein kunstvoll fein verflochtener Kokon, von dem ein seltsames Schimmern ausging. Und noch etwas anderes war noch seltsam. Die junge Frau, mit der er gerade wieder aus den Büschen kam, wies auch schon einen ganz dünnen Faden zu Louis auf - und ein noch schwächerer Faden führte aus ihrem Bauch in zwei Richtungen: in die Stadt und zu Louis. Als ich versuchte, Louis abzufangen und ihn zumindest zu warnen, kam dasselbe wie immer: Alle Schotten runter, man wolle ihm ja nur den Spass verderben. Er verschwand grummelnd mit der Frau im Hotel. Zur Not würden wir wieder hinter ihm aufräumen müssen... Ich wollte gerade meinen Vater zu Rate ziehen, da verschwand dieser ebenfalls in der Pflanzenwelt - nicht zu einem Stelldichein, sondern er verschwand wirklich. Irgendwo schien es Probleme zu geben. Folgen konnte ich ihm jedenfalls nicht. Hoffentlich schaffte er es zurück zum eigentlichen Kriegsrat.

Also gesellte ich mich zu Sofia. Ihre Laune war auch nicht die Beste, aber wenigstens glaubte sie nicht, dass sich alle Welt gegen sie verschworen hatte. Sie bedrückte eher, dass es wohl halbwegs die Runde gemacht hatte, dass sie mit Sobek intimer geworden war - und dass anscheinend ihre "Qualitäten im Bett" verglichen worden waren. Ich riet ihr, dass sie das eher als Kompliment sehe sollte. Als ob sie nie mitbekommen hätte, wenn die Mädels im Verbindungshaus über ähnliches geredet hatten... wobei, bei genauer Überlegung, hatte sie das wohl wirklich nicht mitbekommen... Ich holte Simon zur Hilfe. Ganz konnten wir Sofia zwar nicht überzeugen, das Gerede mit einem Schulterzucken abzutun, aber wenigsten besserte sich ihre Laune. Als dann Marc mit seinen Mädels ankam, um uns zu einem flotten Fünfer oder Sechser zu überreden, war das Gesicht von Sofia einfach göttlich. Und als sie meinte, sie wolle nur Zusehen, wäre ich fast vor unterdrücktem Lachen geplatzt. Einen Moment hatte ich wirklich mit dem Gedanken gespielt, Marc seinen Gespielinnen abspenstig zu machen, nur um zu sehen, wie sein Vater reagieren würde. Aber wir wollten Marc ja den Hals retten und diesen nicht in eine perfekte Schlinge legen. Außerdem waren mir da mindestens vier "Damen" zu viel.

Ich hatte schon fast gehofft, dass Sobek vergessen hatte, dass er meine Anwesenheit für den späteren Abend gefordert hatte. Zumindest sah es lange Zeit so aus, als er sich mit den anderen Göttern, seinem Sohn und den Escortladies im Pool vergnügt hatte, der auch mir kurzzeitig Dank Marc zum Verhängnis geworden war. Doch dann wurde ich auf die Suite gebeten. Noch hatte ich die Tonaufnahme im Hinterkopf.

Sobek überraschte mich. Anstatt es kurz und bündig abzuhandeln wie bei Sofia, hatte er mir altägyptische Kleidung herauslegen lassen. Seine Bediensteten zeigen mir mit einer Engelsgeduld, wie man sich im alten Ägypten schminkte. Der Gott selbst ließ ein opulentes Mahl auffahren und Tanz und Musik spielte auf. Es schien Sobek Spass zu machen, mir die alten Namen der Gerichte beizubringen und die Tanzschritte zu zeigen und sich sehr gepflegt unterhalten zu lassen. Als ich am nächsten Morgen duschte, kam Marc in die Suite, um mit seinem Vater zu reden. Er grinste mich zwar breit an, als ich mich dazu gesellte, aber im Gegensatz zu Sofia konnte ich darüber hinwegsehen. Sobek war nicht erfreut über Sofias Vision, über die Marc zu berichten wusste. Es gefiel dem Gott überhaupt nicht, so im Unklaren zu sein. Er lies weitere Sicherheitstruppen arrangieren und deutete seinem Sohn ziemlich unverhohlen an, dass es ungut für ihn wäre, sollte sich die Vision bewahrheiten.

Mieux vaut une fin effroyable...Bearbeiten

Zum Mittag hatte Sofia die Raffinerien aussortiert. Es kamen drei in Frage. Auf den Fotos stimmten die Winkel nicht mit der Vision überein. Es blieb also nichts anderes übrig, als sie persönlich abzuklappern. Marc erwähnte die Sicherheitstruppen, die Sobek angefordert hatte - und Louis erwähnte beiläufig, dass auch die Griechen um ihren Schutz besorgt waren und Kämpfer geschickt hatten. Soviel zur Geheimhaltung der Vision. Also wurden drei Wägen aufgetrieben. Perfekt. Louis musste mich ertragen - aus dem Auto konnte er nicht fliehen. Ich konnte ja nachvollziehen, dass er auf dem Zahnfleisch ging. Der Fluch lag zwar erst seit zwei oder drei Wochen auf ihm, aber auch ich wollte den nicht so lange haben. Allerdings fing er an, alles auf die Goldwaage zu legen, was man zu ihm sagte und das nur ansatzweise ihn betraf. Und dabei stellte er sich zimperlicher an als ein ägyptisches Totengericht: Von vorneherein war alles, was man ihm nahelegte, nur deshalb gesagt, um ihm die Laune zu verderben. Dass man ihm helfen wollte oder sogar konnte, weigerte er sich schlicht, überhaupt in Betracht zu ziehen. An der ersten Raffinerie bekamen wir, insbesondere Marc, schnell zu spüren, was Sobek mit "Sicherheitstruppen" gemeint hatte: die Raffinerie war besetzt von ägyptischen Kämpfern. Nicht so altertümliche mit Krummschwert und Lendenschurz. Maschinengewehre und Schutzanzüge waren überall zu sehen. Und auf uns zu kam eine junge Frau mit grimmigen Gesichtsausdruck, die zuerst Sofia als "Indikator" beleidigte und dann Marc vermöbelte. Mert hieß sie und war Marc Halbschwester, die sich nur körperlicher Überlegenheit beugte. Sie habe hier alles im Griff mit ihrer Truppe. Sofia deutete an, dass diese Anlage auch unmöglich die ihrer Vision sein könnte. Also schmerzt es nicht, Mert ihre Überlegenheit am falschen Ort zu lassen.

Also ging es auf zur zweiten Raffinerie. Unterwegs kam uns Miguel abhanden, für den Quetzacoatl wieder Spezialaufträge hatte, die Miguel mit einem erzwungen fröhlichen Lächeln ausführen durfte. Sofia brauchte einige Zeit, um sich zu erinnern, ob es sich diesmal um das Objekt ihrer Prophezeiung handelte. Währenddessen mischten Louis, Marc und ich fast einen Beobachtungswagen einiger sehr ägyptisch-arabisch aussehender Beobachter auf. Sofia war sich nicht sicher, ob es nun der richtige Ort war, denn einiges passte, anderes hingegen nicht. Und auf ein "Vielleicht" wollten weder sich Simon noch ich mich einlassen. Also ging es auf zur letzten Raffinerie. Diesmal machte zufälligerweise ein griechischer Feinkosttransporter mit getönten Scheiben hier sein Mittagspäuschen. Sofia strahlte vor Glück, als sie uns wieder nach einiger Bedenkzeit eröffnen konnte, dass es sich um die gesuchte Immobilie handelte. Jetzt musste man nur noch eine Explosion verhindern. Ein Termin bei der nächstmöglichen Führung war schnell gemacht. Selbst mit Simon gab es keine Probleme bei der Passkontrolle und so fanden wir uns mit ein paar weiteren Interessierten auf dem Weg ins Innere der Anlage. Ceo Riabh und Jadeauge wurden im Auto abgestellt. Die übrigen Affen ignorierte ich geflissentlich. Mich interessierte die Raffinerie abgesehen vom Layout herzlich wenig. Und auch Xin und Louis langweilten sich zu Tode, so dass leise Gespräche begannen. Sie waren eine gute Ablenkung, dass ich ohne Probleme Sicherheitscodes sehen konnte. In der Souvenierabteilung deckte sich Louis mit einem Schirm ein. In Sofias Vision hatte es geschüttet und der Himmel sah uns auch nicht freundlich gewogen aus.

Draußen bestätigte Simon meinen Verdacht, dass ein Punkt in der Führung übergangen worden war. Einer Eingebung folgend, drehte ich mich zu Xin und fragte rundheraus, wo denn Jadeauge sei. Glücklicherweise schaltete der Schauspieler schnell, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und eilte in Richtung Raffinerie. Ich meinte noch zu Simon, dass wir uns in der Raffinerie treffen, und folgte dem Chinesen. Verzweifelt versuchte Xin, dem Wachmann klar zu machen, dass Jadeauge unbezahlbar für den nächsten Dreh sei, als ich und zu meiner Überraschung auch Louis aufschlossen. Der Pförtner war schon halb überredet - es fehlte nur noch der richtige Ton. Und schneller als gedacht, waren wir wieder auf dem Gelände. Zwar hatten wir zwei Wachleute im Schlepptau, aber das hielt uns nicht davon ab, mit Jadeauge ein lautstarkes und hoffentlich ablenkendes Katz-und-Maus-Spiel zu spielen. Als es schließlich zu regnen anfing, lotsten wir die Wachleute zur Kantine, wo Louis ihnen noch eine heiße Schokolade abluchsen konnte. Das war gutes Timing, denn in diesem Moment rief mich Simon an. Sie hätten hier jemanden gefunden, mit dem Marc ein Hühnchen zu rupfen versuchte; die Kampfgeräusche waren nicht zu überhören. So, wie Simon es kommentierte, war Marc nicht sehr erfolgreich darin. Aber der vergessene Besichtigungspunkt war ein guter Ausgangspunkt, denn hier sollte die Fabrik wohl sabotiert werden. Xin grinste, und rief laut auf, er hätte Jadeauge entdeckt. Und tatsächlich. Das Äffchen schnitt Grimassen und machte alle möglichen und unmöglichen Faxen, damit das Sicherheitspersonal auch ja auf es aufmerksam wurde. Dann sprang es davon in Richtung unseres Treffpunkts. Xin, ich und die Wachleute sprinteten hinterher; Louis fluchte, weil es draußen wie aus Eimern schüttete, und versuchte, sich unter dem Schirm trocken zu halten. Xin teilte seinen Schirm mit mir, wo auch immer er den gerade hergezaubert hatte.

Wir schlitterten Jadeauge hinterher, auf eine aufs schwerste demolierte Stahltür zu. Ein Sicherungskasten hing herausgerissen an der Wand, was die Wachleute in helle Aufregung versetzte. Wie im Film flirren kleine Blitze über die Regenpfützen in der Nähe der offenliegenden Starkstromleitung. Obwohl Simon draußen stand, schien im Inneren des Gebäudes Chaos auszubrechen. Besagter Chaot versuchte daraufhin mit Marc, sich außerhalb des Baus nützlich zu machen. Irgendetwas von Ventilen riefen sie sich zu. Ich folgte mit Sofia, Louis und Xin den Wachleuten, die in das Gebäude gestürzt waren, bevor man uns aufzuhalten versuchte. Das Problem war schnell erkannt: Auf einer Plattform ziemlich in der Mitte des Gebäudes und hoch über den Tanks stand ein Hüne. Selbst vom Eingang aus gesehen war er riesig. Und er schien gar nicht damit einverstanden, dass ein Wachmann die Leiter zu ihm hinauf kletterte, um ihm zu erklären, dass er nicht hierher gehöre. Jenen Wachmann nahm der Riese nämlich einfach und stieß ihn über die Brüstung. Ein geistesgegenwärtiger, beherzter Sprung Xins rettete den armen Wachmann. Währenddessen machten sich Louis und Sofia akrobatisch auf den Weg über mehrere Leitungen und Rohre zur Plattform. Louis schien es spaßig zu finden, dem Kerl einen Zettel, den dieser aus der Tasche zog, aus der Hand zu reißen und ihn höhnisch auszulachen. Er sprang mit dem Stück Papier gekonnt auf den Rand eines Ölbeckens. Der Hüne war anscheinend fast so dumm wie Brot, denn er folgte Louis. Fast, weil er vorher in einem kleinen Tantrum das Schaltpult platt machte, als wären seine Fäuste ein Dampfhammer. Dumm, weil er nicht Louis' Leichtfüßigkeit hatte und im Öltank landete. Ich schnappte mir die Wachfrau, die die Szene panisch beobachtete, und schüttelte sie zur Raison. Ich musste tatsächlich laut werden, um einen Walkietalkie zu bekommen, an dessen Ende jemand mit Ahnung war. Der lotste mich zum Schaltpult in wackeliger Höhe. Da die Konsole nicht mehr zu retten war, riss ich einen Teil der Verkleidung ab, um mich an den Kabeln im Schaltpult zu schaffen zu machen. Bevor ich unter dem Pult verschwand, rief ich nach Ceo Riabh - viel Hoffnung, dass er mich hörte, hatte ich allerdings nicht. Vom Geschehen um mich herum war ich dann abgeschnitten.

Plötzlich riss mich jemand unter dem Pult hervor und hielt mir schneller Mund und Nase zu, als ich reagieren konnte. Ich realisierte langsam, dass es Xin war. Er deutete nach oben. Von der Decke nieselte es Stickstoff und an einem Loch in der Decke stand Marc, ein Rohr in den Händen. Ich bedeutete Xin, dass ich verstanden hatte. Den Atem anhaltend machte ich mich wieder unter das Schaltpult. Irgendwann, meine Luft war schon knapp, schob jemand ein Atemgerät zu mir, das ich dankbar annahm. Dann drängte sich jemand halb neben mich, um an das Funkgerät zu kommen. Ich hörte gedämpft, wie Louis etwas brüllte. Und plötzlich war Ceo Riabh da und meinte, dass er natürlich Frostbrand herbeischaffen könnte; was für eine Frage. Er verschwand wieder.

Der Techniker am Funk redete wieder ununterbrochen mit mir. Plötzlich tat sich etwas. Das war alles, was ich laut dem Fachmann vom Pult aus tun konnte. Also krabbelte ich endlich aus der Enge hervor. Auch ohne die nervenaufreibende Arbeit an etwas komplett Unbekannten war es immer noch heiß. Der Hüne hatte sich in einen Feuerriesen verwandelt und die Hitze, die er ausstrahlte, erreichte langsam Dimensionen, dass wir hier oben in kürzester Zeit gebraten würden. Xin, der noch immer neben mir Wache stand, bot mir an, mich schnell nach unten zu bringen. Warum kann eigentlich jeder außer mir irgendwelche unmöglichen Distanzen in beliebiger Richtung ohne größere Verletzungen überwinden? Xin katapultierte uns zur Brandschutztür. Perfekt. Hier konnte ich auf Ceo Riabh mit Frostbrand warten - freiwillig wollte ich mich dem Feuerriesen nicht ohne angemessenen Schutz gegenübertreten. Ich beobachtete die unwirkliche Szene. Louis schien in seinem Element zu sein. Schwert in der Hand stellte er sich dem Unding. Währenddessen versuchte Marc von der Decke aus, den Riesen mit einem Strahl aus flüssigem Stickstoff zu löschen. Weder Simon noch Sofia oder einen Wachmann konnte ich entdecken. Ceo Riabh kratzte gerade wieder an der Tür, als Louis zum finalen Schlag ansetzte. Grimmig stieß er zu und bohrte das Schwert bis zum Heft in den Riesen. In einem gewaltigen Feuerball löste sich der Riese auf. Xin warf sich schützend vor mich. Als sich meine Sicht wieder klärte, standen sowohl Louis als auch Xin sogut wie ohne Kleidung da, Meine Kleidung hatte sich in etwas verwandelt, was gut einem Steinzeitcomic entsprungen sein könnte. Von oben versuchte Marc, das Feuer zu löschen und Louis mit dem Stickstoffstrahl zu erwischen. Von irgendwoher kam Sofia, während sich Xin und Louis in Erste-Hilfe-Decken wickelten. Seinen Mantel, dem die Flammen nichts hatten anhaben können, legte Xin mir um die Schultern. Zusammen verließen wir die Halle, vor der die Werksfeuerwehr schon wartete.

Hier trafen wir auch auf Simon. Ceo Riabh kam angetrottet. Aber wir waren nicht allein und das Chaos war noch nicht vorbei: zwei Götter bekämpften sich hier nach allen Regeln der Kunst. Jetzt reichte es. Eine Katastrophe hatten wir gerade so verhindert, da machten sich irgendwelche Raufbolde auf, den nächsten Weltuntergang herbeizuführen. Simon schlenderte schon auf die beiden Götter zu, ich nahm Ceo Riabh das Schwert ab. Meine Wut fiel zwar rapide ins Bodenlose, aber die Entschlossenheit blieb. Ich wollte mich zwischen die beiden Zankhähne stellen. Doch weder Xin noch Louis hielten das für eine gute Idee und hielten mich fest. "Schraubstock" ist noch eine schmeichelnde Bezeichnung für den Griff der beiden. Eisern hielten sie meinen Befreiungsversuchen stand. Zwangsweise ließ ich Frostbrand fallen und meine Wut kehrte einer Springflut gleich zurück. Doch mehr als einen frustriert-zornigen Schrei konnte ich den beiden nicht entgegensetzen. Plötzlich war der Gott mit dem Feuerhaar alles, was zählte. Seine Präsenz überwältigte meinen Ärger. Er war so wunderschön geworden. Selbst die spottende Geste, mit der er sich anscheinend geschlagen gab, war bis ins letzte Detail vollendet. Er tippte einen Turm an und verschwand.

Der Bann war gebrochen. Zum Glück! Denn der Turm war drauf und dran, umzustürzen und einen Teil der Anlage unter sich zu begraben. Heldenhaft sprang Xin unter den Turm in dem Versuch, ihn zu stabilisieren. Der verbliebene asiatische Gott eilte ihm lässig zur Hilfe und redete irgendetwas unverständliches mit Xin. Inzwischen hatte auch Louis meinen Arm losgelassen und ich hob Frostbrand wieder auf und band es mir auf den Rücken. Simon und Marc hatten sich auch wieder zu uns gesellt. Der Gott schlenderte mit Xin ebenfalls herbei. Mir machte er ein Kompliment weil mein Temperament mit mir durchgegangen war, aber es war mir eher unangenehm. Es stellte sich heraus, dass der Gott Xins Vater ist. Während er unsere Männer sehr indirekt sozusagen zum Aufräumdienst abkommandierte, fragte er Sofia und mich, ob wir ihm diesen Abend nicht noch Gesellschaft leisten wollten. Sofia schien zögerlich und auf meine Antwort zu warten. Marc sprach leise das aus, was mir durch den Kopf ging: Er wollte mit Louis wetten, ob diese Gesellschaft wohl bis ins Bett reichen würde. Louis war nicht an der Wette interessiert. Aber mir gab es den allerletzten Ruck, zuzusagen. Davon abgesehen, dass man sich ungern den Zorn von Göttern zuzieht - vor allem, wenn es um Asiaten geht. Wer weiß schon, was bei denen als Beleidigung zählt und was nicht? Also überließen Sofia, ich und Sun Wukong den anderen die Aufräumarbeiten. Xin legte seine Hand auf den Mantel und dieser verwandelte sich in etwa in die Kleidung, die ich an hatte, bevor das Feuer sie fast vernichtet hatte. Beeindruckend. Er bat mich, ihm diese nur unversehrt wieder zurück zu bringen. Ich drückte Simon Frostbrand noch in die Hand. Ich war sicher, dass ich es heute nicht mehr benötigen würde.

Postlude, prélude, peu importe...Bearbeiten

Sun Wukong begleitete uns in ein Hotel, in dem sich wir uns - inklusive neuer Kleidung - frisch machen konnten. Da ich Xin versprochen hatte, seinen Jetzt-meine-alte-Kleidung-Umhang wieder zu bringen, beachtete ich die Kleidungsauswahl nicht weiter. Der Affenkönig wollte ein chinesisches Restaurant in Paris besuchen gehen - ich schlug ihm stattdessen ein winziges, gemütliches, französisches Restaurant in einer abgelegenen Seitenstraßen vor. Asiatisches Essen in Frankreich ist wie Burger ohne Ketchup. Den feinen Geschmacksknospen der Franzosen konnte man nichts schärferes als Rosenpaprika zumuten. Er nahm gerne an. Für den Abend stellte er sich als "Goku" vor. Während wir auftischen ließen, sprachen wir über Xin. Goku stellte sich als fürsorglicher Vater heraus. Er machte sich Sorgen um Xin. Nicht, dass ihm etwas zustoßen könnte, das war für ihn kein Thema. Eher dass sein Sohn sich noch nicht heldenhaft genug verhalte. Er bat Sofia und mich tatsächlich mit einem Augenzwinkern, ob wir beide uns nicht ab und an in eine rettenswerte Position für seinen Sohn begeben könnten, was zur allgemeinen Erheiterung am Tisch führte. Weniger erheiternd war Gokus Feststellung, dass etwas innerhalb unserer Gruppe nicht stimmte. Er selbst habe genug Zeit gehabt, sich darüber ein entsprechendes Bild zu machen. Seiner Meinung nach bräuchte man nur einen Ort, an dem man ungestört sein konnte und von dem einige der widerspenstigeren Götterkinder nicht einfach so verschwinden konnten. Er beugte sich zuerst zu Sofia und flüsterte ihr etwas zu, dann zu mir. Es waren Worte in einer Sprache, die ich nicht verstand. Aber ich konnte sie nicht mehr vergessen, dessen war ich mir sicher. Dann schob er eine Kristallkugel auf den Tisch. Sie war perfekt in jedem Detail: Die Oberfläche, die kleine Landschaft in der Kugel, die Größe, einfach alles. Er behauptete, in der Kugel läge ein vergessenes Königreich. Bedeutungsschwer sah er uns an, als er uns eröffnete, dass es nur zwei Personen bräuchte, die den Wunsch hätten, dorthin zu gelangen, damit alle, die diese Kugel in diesem Moment berührten, in dieses Königreich gelangten. Sofia und ich wüssten nun auch den Zauber, um wieder zurückzukehren - jede von uns beiden eine Hälfte. Er bot uns die Kugel an. Nach einem kurzen Blick zu Sofia nahm ich sie an mich. Ich hatte meine Gründe. Davon abgesehen, dass man ein Geschenk nicht einfach ausschlug - in wie weit ich Gokus "noblen Absichten" traute, wusste ich in diesem Moment nicht wirklich - und dass einen Gott zu verärgern nicht unbedingt zu den erstrebenswerten herausragenden Lebensleistungen gehörte, machten mir Sofias Gemütsschwankungen derzeit latent Sorgen. Als dieses Thema geklärt war, äußerte ich noch meine Bedenken wegen Loki. Gab er sich wirklich geschlagen? Würde er nicht doch noch einmal in Paris versuchen, Unruhe und Zerstörung hervorzubringen? Aber Goku winkte ab. Einen gescheiterten Plan würde selbst Loki nicht wieder aufnehmen. Das wäre schlechter Stil. Dann machten wir uns auf in den Cirque du Soleil und genossen die atemberaubend schöne Vorstellung. Versackt wären wir wohl in einem kleinen, gemütlichen Bistro, hätte Goku nicht noch eine Warnung vorgebracht: Sollte uns Marc am Herzen liegen, dann wäre es vorteilhaft, ihn keine Affen umbringen zu lassen. Weiterhin würde uns zwar nur noch Jadeauge begleiten - zum Glück! - aber selbst die Drohungen, die Marc immer wieder laut äußerte, würden ihm sonst schwer bekommen. Entgegen Marcs Wette brachte uns Goku zurück an unsere Pension, ohne mit einer von uns ins Bett hüpfen zu wollen. Sofia wollte Marc Gokus Warnung überbringen. Doch trotz der späten Stunde durfte ich mich noch nicht schlafen legen. Simon wollte mir etwas vorbeibringen. Es schien ihm diabolische Freude zu bereiten, der guten Madame Martin mit Frostbrand einen gehörigen Schrecken einzujagen. Ein Schwarzer mit einem übertrieben großen Messer. Toll. Ich durfte die gute Dame erst einmal beruhigen, während er bei Sofia verschwand. Aber an Schlaf war immer noch nicht zu denken. Stattdessen schickte ich Luc einen kurzen Artikel, der zu einem weiteren nächtlichen Anruf nahe der Panikgrenze führte. Mit einem Abendessen für den nächsten Tag konnte ich ihn wieder herunterholen.

Früh wollte ich am nächsten Morgen zu meinem Dad, um ihn von den Vorgängen in Kenntnis zu setzen. Allerdings war er immer noch mit dem Kriegsrat beschäftigt, so dass nur Wildrose und ihre Brüder anzutreffen waren. Also verabredete ich mit mit ihnen wieder zum Training. Es wäre sowohl dumm als auch unhöflich gewesen, die Zeit nicht mit ihnen zu nutzen. Und ich war weder für das eine noch das andere bekannt. Aber zuerst musste ich Marc vor Sofia erwischen. Jenen fand ich in seinem Bett, wie ich es erwartet hatte. Sun Wukongs Drohung nahm er nicht wirklich ernst. Auch das hatte ich erwartet. Aber ich hatte es ihm selbst sagen wollen; von Sofia erwartete ich, dass sie ihm ins Gewissen reden würde und er deshalb vielleicht absichtlich trotzte. Marcs Versuch, mich dazu zu bringen, Sofia zu einem Dreier zu überreden, überging ich wieder einmal mit einem Lächeln. Soll er sie selbst dazu bringen. Außerdem brachte ich Xin schnell seinen ehemaligen Umhang vorbei. Er war etwas verlegen, als ich ihm schmunzelnd mitteilte, dass sein Vater Sofia und mich beauftragt hatte, dass wir uns doch heldenhaft von ihm retten lassen sollten. Also machte ich mich auf, Frostbrand für eine weitere Übungsstunde aus der Pension zu holen. Aber Simon wollte sich wohl wieder einen Spass mit der guten alten Mamsell machen. Er hatte einen Teil seines Grimoires als Endlosfax geschickt. Mit einem Berg Papier, einem zutiefst erschütterten Blick und laut schimpfend kam mir die Madame entgegen. Was es denn mit diesem okkulten Zeug auf sich habe. Ich konnte nicht anders, als ihr grinsend die Blätter abnehmen. Ein kurzer Blick - durch das Faxen war sogut wie nichts mehr wirklich zu entziffern. Eine ordentliche Kopie des Buchen hatte ich ja schon, also waren die Seiten wertlos. Gespielt entrüstet stopfte ich den Papierberg in den Mülleimer, etwas von Harry Potter und unfähigem Kollegen schimpfend. Die Madame stimmte mit ein, wie jemand nur etwas per Fax schicken konnte, so dass es nicht mehr lesbar sei. Reine Papierverschwendung. Damit war sie wenigstens etwas besänftigt und ich schlüpfte mit Frostbrand hinaus, auf dem Weg zum Training.

Ich war überrascht, dass Marc sich die Mühe machte und mich persönlich im Park aufsuchte, nachdem ich ihn am Telefon wieder einmal abgewimmelt hatte. Er wollte wissen, ob ich Schicksalsfäden kappen könne. Nicht, dass ich wüsste. Aber als ich wissen wollte, warum er so etwas brauchte, wollte er nicht mit der Sprache herausrücken. Und dann meinte er, ausweichen zu können auf meine Frage, ob er etwas angestellt hatte. Er schien gar nicht glücklich darüber, dass mir sofort klar war, wann er bewusst nicht die Wahrheit sagte. Ihm ging wohl auf, dass Manipulationsversuche bei mir damit wirklich Kopfarbeit werden würden. Auf seine Frage hin, ob ich ihm noch mehr verheimlichte, erwähnte ich nur, dass ich die verschiedenen Pantheons unterschiedlich wahrnehmen kann. Das war eine Information, die er sofort wieder vergessen würde, da sie ihn nicht direkt betraf.

Später stand das Abendessen mit Luc an. Kein Date, eher ein Geschäftsessen. Er hatte weitere Nachforschungen zu den Geschehnissen in der Raffinerie angestellt. Auch die Hinweise, die ich ihm gegeben hatte, hatte er weiter verfolgt. Ob es für einen Artikel über Terrorismus eignete, wie ich es vorgeschlagen hatte, wusste er noch nicht. Meine Beteiligung oder die der anderen Götterkinder musste ich heraushalten. Ich lenkte Lucs Augenmerk auf die Vorkommnisse in Kairo. Luc hatte sie ebenfalls verfolgt, da ich die Sache angedeutet hatte. Er wusste auch von einem ähnlich seltsamen Vorfall in Cadiz. Und Brisbane war ihm zu Ohren gekommen. Er hatte immer noch sein untrügliches Gespür für Stories. Ich setzte ihn auf weitere - zukünftige - Vorfälle an. Er war sehr interessiert daran, wie ich in diese Angelegenheiten verwickelt war. Aber viel Auskunft konnte ich ihm da nicht geben. Stattdessen wuchs langsam eine Idee heran, über die ich noch viel nachzudenken hatte. Hoch erfreut eröffnete mir Luc schließlich, dass er Karten für Tsukiyomis (alias Fushimi Tsukiya) Veranstaltung hatte ergattern können. Dafür hatte er etwas gut. Übermorgen Abend war es so weit. Ich hoffte, dass der Kriegsrat bis dahin vorüber war.

Am Morgen ereilte uns alle die Nachricht, dass der Kriegsrat unterbrochen war. Ich eilte zu meinem Dad. Er sah erschöpft aus. Die Verhandlungen gingen wohl schleppend voran. Das Met, das ich besorgt hatte, heiterte ihn etwas auf. Das Festmahl, das Wildrose und ich beim Zimmerservice bestellten, tat sein übriges. Aber ich konnte ihn nicht ganz entspannen lassen. Ich lenkte das Gespräch auf Louis und das Schicksalsknäuel um ihn herum. Da musste etwas geschehen. Vorher würden wir Götterkinder keine wirkliche Möglichkeit haben, uns richtig zusammen zu raufen. Lugh meinte zwar, dass er den Fluch nicht direkt lösen konnte, aber das hatte ich auch nicht erwartet. Das war unsere Sache. Doch jede Hilfestellung war willkommen. Und eine solche konnte er auch anbieten: Ein möglicher Startpunkt, um den Fluch lösen zu können, lag in Irland. Im goldenen Tal müssten wir ein Tor finden. Hinter diesem lebt die weinende Frau. Wer sie zum lachen brächte, dem könne sie eröffnen, was man tun müsse, um den Fluch zu lösen. Mehr als einen Startpunkt brauchte ich nicht. Während Lugh sich etwas zurück zog, machte ich mich auf eine erfolglose Suche nach Louis. Und niemand wusste, wo er zu finden war. Also hinterließ ich ihm eine Nachricht an der Rezeption, bevor ich zu meinem Dad und den Sidhe zurückkehrte. Auch mein Dad hatte ein Anliegen, das ihm am Herzen lag: Er sprach davon, dass irischen Helden oftmals Aufgaben und Prüfungen auferlegt werden. Er könne dies auch bei mir tun. Wäre ich ein Sohn, würde er nicht fragen - von einem Sohn erwartet er, dass er sich solchen Prüfungen stellte und damit lebte oder starb. Aber ich war eine Tochter und diese Prüfungen und Aufgaben waren nicht immer leicht. Er würde mich nicht mit etwas belegen, wenn ich es nicht wollte. Wie sollte ich darauf antworten? Er hatte mich erzogen, dass ich auch Schwierigkeiten im Leben meistern konnte. Ich sagte ihm, dass ich die Entscheidung in seine Hände legte und mich dieser auch beugen würde, wie auch immer die ausfallen würde. Er wollte darüber nachdenken. Er nutzte die verbleibende Zeit, bis der Kriegsrat wieder zusammenkam, um mir beizubringen, die Stärken, Schwächen und Gemüter anderer zu erkennen.

Am nächsten Morgen war er wieder in den Konferenzraum verschwunden. Außerdem hatte ich immer noch keine Nachricht von Louis und die Notiz war nicht an der Rezeption abgeholt worden. Es nutzte nichts. Ich musste mit ihm reden. Also schob ich mir den Stirnreif ins Haar und folgte dem Faden zu Louis. In einer alten Lagerhalle in einem Pariser Außenbezirk fand ich ihn schließlich. Er stand an einer Art Schmiede und arbeitete hochkonzentriert. Eine Weile ließ ich dieses Bild auf mich wirken, bevor ich mich langsam in sein Sichtfeld schob. Schließlich legte er seine Arbeit beiseite. Er wirkt misstrauisch, dass ich mit ihm reden wollte. Auch gut. Begeistert war er ebenfalls nicht, dass ich mit meinem Dad über ihn gesprochen hatte. Aber das störte mich in diesem Moment wenig. Ich bot ihm die Möglichkeit an, in Irland mehr darüber zu erfahren, wie er den Fluch lösen konnte. Dass er nicht jubelnd darauf ansprang, war mir klar. Würde ich an seiner Stelle wohl auch nicht. Aber er gestand zu, dass er auf das Angebot zurückkommen würde, sollten ihm seine Ideen und Möglichkeiten ausgehen. Aber zuerst wollte er es auf seine Art versuchen und damit gleich nach der Konferenz anfangen. Das reichte mir. Ich hoffte, dass ich ihm klar machen konnte, dass ich ihm wirklich helfen wollte. Aber ich sagte ihm auch, dass diese Hilfe nicht ganz uneigennützig war. Er lachte kurz auf, und meinte, er hatte so etwas erwartet. Doch er wollte erst sein Ding machen, bevor er irgendwem anders helfen würde. Wesentlich begeisterter zeigt er sich, als ich mich für seine Arbeit interessierte: Er war gerade dabei, Statuetten für sich, Xin und Marc zu fertigen, die den Kampf gegen den Feuerriesen zeigten. So wie er meinen Salamander gefertigt hatte. Er war darin wirklich gut und zurecht stolz darauf. Plötzlich tauchte ein Bote auf, der je ein Schreiben für uns hatte. In dem Umschlag war eine Disc, die sich in ein Hologramm verwandelte. Quetzacoatl wollte uns um Mitternacht an der Sorbonne sehen. Großartig. Schon klingelten die Handies. Ich war allerdings dagegen, gemeinsam zur Sorbonne zu fahren. Ich würde direkt aus der Stadt kommen. Die Anrufe erinnerten mich allerdings daran, wie spät es schon war. Ich verabschiedete mich von Louis und machte mich auf zu den Sidhe. Eine Trainingsstunde war sicherlich noch drin.

Wildrose half mir, mich für den Abend zurecht zu machen. Sie verabreichte mir auch eine Trank, der irgendetwas bewirken sollte. Auch gut. Allerdings war ich nicht nur wegen des Abendessens bei Tsukiyomi aufgeregt: Es gab noch keine Anzeichen, dass der Kriegsrat bald zu Ende war. Und ohne Tsukiyomi keine Veranstaltung. Ich schaute noch kurz bei Xin vorbei. Mit großen Augen sah er mich von oben bis unten an, als er die Tür öffnete. Aber ich hatte nicht viel Zeit. Ohne viel Umschweife bat ich ihn, Frostbrand mit zu Quetzacoatl zu nehmen. In meinem Aufzug war es offensichtlich, dass ich das Schwert nicht mitnehmen konnte. Aber in Zeiten wie diesen wusste man nie, ob es nicht doch gebraucht würde. Er nahm das Schwert gerne entgegen. Auch als ich los fuhr, war noch keine Spur von den Göttern zu sehen. Luc brachte mich an die Seine. Als ich sah, dass wir auf einem Schiff speisen würden, entschuldigte ich mich kurz. Ich schrieb Sofia, dass es sein könnte, dass ich mich verspäten würde bei Quetzacoatl und nicht erreichbar wäre. Sollte das der Fall sein, möge sie mich bitte entschuldigen. Dann schaltete ich das Handy ab.

Der Abend war fantastisch. Das Ambiente, das Essen... "göttlich" war dafür wahrlich keine Untertreibung. Es fiel mir leichter, mich so zu verhalten, wie es der japanische Gott erwartete, als ich erwartet hatte. Luc schien etwas vor den Kopf gestoßen, arrangierte sich aber schnell damit. Wie zu erwarten war, verpasste ich das Zusammentreffen mit Quetzacoatl. "First come, first served", wie es so schön heißt. Hoffentlich galt das auch bei Göttern... Aber Sofia meinte, dass es nicht schlimm war und wollte mir schon eine komplette Zusammenfassung geben - mitten in der Nacht kurz nach der Bootsfahrt. Aber danach stand mir wenig der Sinn. Ich vertröstete sie auf den Morgen und machte mich mit Luc auf in die Stadt. Einer Eingebung folgend suchte ich Marc noch einmal auf, als ich ins Hotel zurück kam. Verschlafen gab er mir einen sehr kurzen Abriss über die Ereignisse an der Sorbonne. Neben ihm regte sich irgendwo ein junges Ding. An sich nicht weiter verwunderlich, wenn sie nicht angefangen hätte, in Marc den Nabel der Welt zu sehen. Ein kurzer Blick - da war also der dicke Schicksalsfaden, der gelöst werden sollte. Grinsend und dankend lehnte ich das erneute Angebot zu einem Dreier ab, auch wenn das arme Ding alles getan hätte, um Marcs Wünschen zu entsprechen.

Als ich am nächsten Morgen neben Wildrose aufwachte, war Lugh mit drei seiner Sidhe schon abgereist. Nur eine Nachricht hat er zurückgelassen. Ich wusste, dass mein Dad Abschiede schon früher nicht mochte. Aber irgendwie - ich mochte das Gefühl einfach nicht, das der Brief hinterließ. Und der lebhafte Traum tat sein übriges. Dad hatte sich also entschieden. Die Konferenz war vorbei.

Ich brauchte einen Moment, bis ich sortiert hatte, was das für Möglichkeiten eröffnete. Ich ließ Wildrose und Tannicht zurück und machte mich auf die Suche nach Louis. In seinem Zimmer war er wieder einmal nicht. Also auf zu Marc, aber dieser weigerte sich, Louis' neue Nummer herauszurücken. Also sollte er Louis Bescheid geben, dass er mich anrufen sollte. Immer so ein Hickhack. Ich war gerade am Zusammenpacken mit Wildrose, als sich Louis tatsächlich zeitnah meldete. Er hatte eine Deadline: In einer Stunde wollte er aufbrechen. Ich sagte ihm, ich wäre da. Ein weiterer Abschied rückte näher. Wildrose nannte mir einen Ort, an dem ich sie in Irland finden konnte. Und Tannicht schien erstaunt darüber, dass ich ihn zum Abschied umarmte. Dann machte ich mich auf zu Louis' Zimmer. Doch nicht nur Louis war dort anzutreffen. Auch Xin hatte sich eingefunden. Ganz glücklich schien Louis wieder nicht, das sich andere entschlossen, mit ihm zu reisen. Er wollte nach Sizilien. In den Ätna. Um mit seinem Dad zu sprechen. Ich sagte ihm nur, dass ich dabei war, um sicherzugehen, dass er auch wirklich in den Vulkan sprang - und wenn ich mit einem Stoß nachhelfen musste. Weder Marc, noch Simon oder Sofia würden uns begleiten. Marc musste noch auf die Audienz bei seinem Vater warten - und da ungewiss war, wann sich der Krokodilgott dazu herab ließ, seinen Sohn zu empfangen, dauerte es Louis schon jetzt zu lange. Simon und Sofia... kein Kommentar. Da Louis und Xin schon wieder Übergangspässe bekommen hatten, war der schnellste Weg zum Ätna das Flugzeug. Xin hatte mir Frostbrand wieder mitgebracht - und sogar eine Art Rucksack dafür besorgt. Doch auch in der neuen Hülle würde ich es nur schwerlich in ein Flugzeug bekommen. Und Ceo Riabh auch nicht. Glücklicherweise versicherte mir der Hund, dass er sowohl sich als auch das Schwert ohne Probleme nach Sizilien bekommen könne. So band ich es ihm um und verabschiedete mich von ihm. Ein Flug war schnell organisiert. Wir erwischten “zufällig” den wöchentlichen Flug nach Palermo und mussten so keinen Umweg über Neapel machen. Ein Mietwagen war auch kein Problem, da wir noch warten mussten. Ich weiß nicht genau, ob es mich nach allem noch verwunderte - aber als ich mir meine Mitreisenden noch einmal ansah, wie Lugh es mich gelehrt hatte, stellte sich Jadeauge als Mächtigste der drei dar.

Während des Fluges unterhielt ich mich noch einmal mit Louis. Ich wollte wissen, warum er sich für so einen radikalen Schritt entschieden hatte. Selbst wenn einem Hitze wenig ausmachte, sprang man nicht alle Tage und nicht unbedingt freiwillig in einen Vulkan. Eher widerstrebend erzählte er mir zum ersten Mal von seinem Vater, von ihrem eher schwierigen Verhältnis zueinander. Im Gegenzug wollte er etwas über Lugh wissen. Er schien etwas neidisch auf unser Vater-Tochter-Verhältnis zu sein - doch je länger ich darüber und über mein bisheriges Leben nachdachte, desto mehr kamen mir Zweifel, was nun vorteilhafter war.

Louis bot Xin im Übrigen das Herz an, das vom Feuerriesen übrig geblieben war. Laut Hermes konnte es demjenigen, der es über sich brachte, es zu verzehren, vorübergehend Schutz gegen Feuer bieten. Da Louis noch vor Feuer geschützt war, war es für ihn eher Ballast. Gar nicht so dumm der Gedanken, wenn man bedachte, wo wir hin wollten. Und Xin nahm es auch gerne an.

It's a new dawn, it's a new day, it's a new life...Bearbeiten

Da standen wir nun: Legba hatte entschieden, dass sein Gefäß Anne-Sophia Lammet ersetzen sollte. Obwohl ich ihr Hilfe anbot, wollte die Kleine nichts mehr von uns; Legba würde ihr alle Hilfe zukommen lassen, die sie bräuchte. Auch gut.

Und was taten die anderen? Sie richteten sich schon fest in der Villa in Estelle ein. Es wäre doch ein tolles Zuhause, in das man zurückkommen könne. Ja, natürlich. Im Keller fanden sich zwar Blutspuren von Opfertieren an der Wand und was dort im Garten gemacht worden war... Und ehrlichgesagt war ich auch nicht wirkich scharf darauf gewesen, im Hinterhof der Loas zu bleiben. David fand zwar den Notar, der damals die Grundstücksverträge mit der dahingeschiedenen Voodooqueen gemacht hatte, aber irgendwelche Konten oder Schließfächer gab es nicht. Und obwohl Damian etwa hundert Riesen im Haus erbeutet hatte, hätte das die Villa höchstens zwei Jahre unterhalten. Außerdem war aus Damians Verhalten zu schließen, dass man ihm das Geld nur aus den kalten, toten Fingern hätte nehmen können.

Also machte ich Nägel mit Köpfen: Mehr oder minder unauffällig schickte ich Diane, David und Damian kurzerhand zurück nach Atantic City um nachzusehen, ob Mr. Henry Gould mittlerweile mit Packen fertig war. Ich hatte schon zuvor mit dem Notar korrespondiert, und die Villa mir überschreiben lassen. Anne-Sophia Lammet sah mir ähnlich genug, dass die kleinen Unterschiede zwischen uns nicht sehr auffällig gewesen waren - nicht mit Daddys Gaben. Ich verkaufte das Häuschen kurzerhand.

Obwohl ich schon einen Makler engagiert hatte, wurde es schließlich doch ein Zufallsgeschäft: Ich hatte die ältere Dame wieder im Park getroffen, die sich vor einigen Tagen pickiert über die mittlerweile dahingeschiedenen Eigentümer der Villa geäußert hatte. Ich berichtete ihr, dass wir das Häuschen erworben hatten und sie war hoch erfreut, dass die Nachbarschaft wieder ruhiger wurde. Und sie überraschte mich: Ich erzählte ihr weiter, dass das Gebäude nun doch weniger nach meinem Geschmack war, als ich ursprünglich gedacht hatte und ich deshalb mit dem Gedanken spielte, sie wieder zu veräußern. Prompt meinte sie, sie würde mir die Villa abkaufen, um sich selbst zu gewährleisten, dass ihre Nachbarschaft ruhig bleiben würde; und sie nannte mir einen Preis, der deutlich über dem Verkaufswert lag, den sowohl der Notar als auch der Makler veranschlagt hatten. Keine zwei Stunden später trockneten die Unterschriften auf den Papieren. Der verstorbene Mann der alten Dame hatte wohl ein glückliches Händchen beim Handel mit Wolle gehabt, so dass Geld keine Rolle mehr spielte. Sie bestand sogar auf die von ihr genannte Summe, obwohl ich bereit gewesen war, die Villa zum niedrigeren Preis zu verkaufen.

Da stand ich nun, mit mehreren Millionen Dollar in der Tasche. Portokasse.

Obwohl die ältere Dame uns weiterhin im Haus wohnen gelassen hätte, schnappte ich mir Xin und Sofia und kehrte in mein kleines Mietshäußchen in Irish Channel zurück. Nachdem sich das erste Unverständnis für meinen Schritt gelegt hatte, fingen beide schnell mit der Verplanung des Geldes an: Sofia war sogleich Feuer und Flamme dafür, eine Farm in Tansania zu kaufen. Xin hingegen wäre wohl lieber nach Alaska. Und so ganz Unrecht hatten sie ja nicht. Nein, mitten in die Pampas wollte ich nicht. Spätestens Liu Fengs Tal hatte mir jedes Verlangen eines abgelegenen Häuschens ausgetrieben... aber irgendetwas, wohin man zurückkehren konnte... der Gedanke hatte was.

Während sich Sofia um Josh kümmerte und Xin seinen Agenten wieder kontaktierte, sah ich mich nach passenden Objekten um. Es gab da eine kleine Nachbarschaft in der Nähe von Boston und mehrere interessante Anwesen rund um New York City. Los Angeles war von Sofia auch angesprochen worden, aber da hatte ich meiner Meinung nach schon zu lange gelebt. Ich liebäugelte auch kurz mit einem riesigen Areal unweit von Denver, das man mit Lodges hätte bebauen können. Da flatterte mir plötzlich ein Angebot auf den Tisch: Ein Anwesen in Portland. Mir saß zuerst einmal ein Kloß im Hals. Portland hatte ich überhaupt nicht auf dem Schirm gehabt - die Stadt war zwar traumhaft, aber da lebten zu viele Menschen, die mit lieb und teuer waren. Das wäre beinahe so, als würde ich zu meiner Mum ziehen. Aber das Angebot war einfach zu gut: Eine halbe Stunde vom Zentrum entfernt lag </span>eine Villa am Fluss - zu einem Preis, bei dem ich dreimal nachfragen musste, ob da nicht ein Fehler unterlaufen war. Diese Entscheidung... Ich hatte schon im Alleingang Estelle abgestoßen. Ich konnte nicht einfach so etwas erwerben, womit die anderen nicht zufrieden waren. Gut, konnte ich schon, aber irgendwann würden sie dann rebellieren, vermutlich sogar zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt.

Als ich Xin die Bilder und die Daten des Anwesens zeigte, war er begeistert. Und selbst Sofia war fast aus dem Häuschen. Also fuhren wir nach Portland. Und es stellte sich heraus, dass die Villa ein Glücksgriff war. Sie würde sich eine ganze Weile selbst unterhalten können, vor Allem nach den angedachten Ausbaumaßnahmen, selbst wenn wir noch zu Vielfliegern avancierten. Also brauchten wir nur für unseren eigenen Lebensunterhalt aufkommen. Und nach wiederholtem Nachfragen schien kein Haken an der Sache zu sein.

Somit zogen Sofia, deren Container einen hübschen Platz an der Auffahrt bekam, Xin und ich in die Villa.

Und ich suchte mir wieder einen Job.

Die Villa war für uns drei eigentlich fast schon zu groß. Dass Sofia ebenfalls dieser Meinung war und einige Monate später kurzerhand für eine Professur in Portland mitsamt Wohngelegenheit in der Villa für David sorgte, teilte sie mir erst im letztmöglichen Moment mit - kurz bevor David am Tor klingelte. Dass überhaupt jemand zu diesem Zeitpunkt daheim war...

Aber David war nicht allein. Im Schlepptau hatte er Diane, die ebenfalls dabei war, sich beruflich zu verändern und Teilhaberin eines Tanzstudios in Portland zu werden. Zufälligerweise nur war sie von einem Polizisten vor dem Anwesen angehalten worden, als David gerade vorbeifuhr. Kurzerhand wies ich ihr ebenfalls eines der leerstehenden Schlafzimmer zu und veranlasste in meiner Hausbank, dass ihnen ein wenig Einrichtungskapital zur Verfügung stand. Die beiden Götterkinder hatten auch Neuigkeiten von Damian. Völlig perplex erzählten sie, dass dieser sich gerade mitsamt seiner plötzlich aufgetauchten Tochter im besten Teenageralter in einem der Häuschen uns gegenüber einrichtete. Kurzerhand luden wir sie zum gemeinsamen Kaffeetrinken ein. Widerwillig kam Damian der Einladung nach, und obwohl sein Töchterlein Pea sich sehr für die Villa begeisterte, weigerte er sich, ebenfalls einzuziehen. Er wollte seine Tochter aus der ganzen Göttersache heraushalten, sie nicht zu sehr verwöhnen und deshalb unbedingt ein kleines Appartement in der Stadt mieten. Zum Abschied schickte ich Peaches zum Trost eine sich wöchentlich wiederholende Einladung in die Villa .

Die nächsten Wochen verliefen erstaunlich ruhig. Diane erkundete des Öfteren mit mir das Portlander Nachtleben, während David dafür sorgte, dass Sofia neben ihren Studien auch ihren hausgemeinschaftlichen Pflichten regelmäßiger nachkam. Pea verheimlichte ihrem Vater, dass sie uns häufiger besuchen kam; und Damian machte auch kaum Anstalten, uns freiwillig über den Weg zu laufen. Dafür bekam die Kleine Nachhilfe für die Schule, die sie besonders gerne von Dr. Dave annahm, den sie regelrecht anhimmelte. Xin versuchte sich derweil ebenfalls als Journalist. Dass es nicht bei dieser Ruhe bleiben würde, war allen klar gewesen.

Schnee fällt mitten in mein HerzBearbeiten

Eines schönen Frühlingvormittags bekam ich einen Anruf von Xin. Er klang äußerst besorgt: seine Kindheitsfreundin lag im Portlander Krankenhaus und er wollte wissen, was mit ihr los war. Denn die Erklärung der Ärzte - ein plötzlicher Herzanfall - klang äußerst unglaubwürdig. Er klang so dringlich, dass ich mich sofort auf den Weg machte, und das war auch gut so. Kaum war ich auf dem Parkplatz der Klinik, als Edith mich anrief. Tom lag ebenfalls im Providence Portland Medical Center, ob ich nicht vorbeikommen könne. Für einen Moment fühlte ich mich so, als hätte man mich selbst auch auf die Kardiologie einweisen können. Und auf dem Weg zu Toms Zimmer meldete sich auch Diane bei mir, dass ihr Bruder ebenfalls eingeliefert worden war.

Die Bodyguards an Toms Tür ließen mich ohne irgendwelche Anstalten ins Zimmer. Ich nahm Edith in den Arm, die mir erzählte, dass Tom aus heiterem Himmel umgefallen war und sich ans Herz gegriffen hatte. Die Ärzte vermuteten einen Herzanfall, aber als ich ihn mir über Ediths Schulter hinweg ansah, fehlte ihm absolut nichts. Laut Dads Gabe war mit Tom alles in Ordnung. Ich konzentrierte mich auf die magischen Fäden um mich herum, während ich Edith fester in den Arm nahm. Als ich die üblichen Schicksalsbande aussortiert hatte, sah ich gerade noch, wie irgendetwas Magisches sich aus Toms Herzgegend verflüchtigte. Ich entschuldigte mich kurz und schlüpfte zu Xin, um ihm und Diane meine Beobachtung mitzuteilen. Sie erzählten mir, dass Sofia, Damian und David wohl ebenfalls jemanden in ihrer Familie hatten, dem ein ähnliches Schicksal widerfahren war. Doch mehr konnte ich momentan nicht tun, so kehrte ich an Toms Bett zurück. Ich fühlte mich elend, da ich nicht wusste, wie ich helfen konnte. Es war offensichtlich, dass es irgendetwas mit mir zu tun hatte, aber ich war wie gelähmt, als ich ihn so daliegen sah.

Als er schließlich unvermittelt erwachte, wandelte sich meine Erleichterung schnell in Irritation. Tom war weder begeistert, dass er im Krankenhaus war, noch dass sowohl ich (was ich ja noch hätte verstehen können) als auch seine Mutter anwesend und besorgt waren. Er verhielt sich abweisend und patzig, und obwohl ich ihn wegen seines Verhaltens Edith gegenüber anfuhr, fühlte ich mich wie betäubt. Schließlich war er nicht mehr zu halten und entließ sich selbst aus dem Krankenhaus. Obwohl ich so gerne mit zu Edith gekommen wäre, sah ich keinen Sinn darin, noch mehr unter seiner Haltung zu leiden und bat Edith, mich anzurufen, sollte irgendetwas nicht stimmen. Ich fuhr zurück in unsere Villa und ließ meine Hilflosigkeit an einem Sandsack aus.

Anscheinend war Tom nicht der einzige, der eine Wandlung durchgemacht hatte. Periphär bekam ich mit, dass Xin und Damian sich ebenfalls Sorgen machten. Aber ich brauchte erst einmal einen klaren Kopf und das dauerte. Selbst körperliche Verausgabung dauerte mittlerweile wesentlich länger als früher. Schließlich suchte ich Wildrose und fragte sie nach ihrer Meinung. Sie erzählte mir, dass es durchaus Flüche gab, die Menschen verändern konnten. Aber von der reinen Beschreibung dessen, was vorgefallen war, ließ sich nicht ableiten, was es gewesen sein könnte. David berichtete ähnliches von seinem Buch, als wir kurz telefonierten. Aber das Buch Thot hatte auch Informationen, die uns zumindest auf eine Spur bringen konnten: Es erwähnte äußere Umstände, und ich schickte David aus, um bei einem Metereologen nachzufragen, ob der plötzliche Kälteeinbruch von heute Morgen ungewöhnlich war und woher er kam. Damit konnte ich mich um das Problem kümmern, dass Wildrose eines der Opfer sehen musste. Ich wollte sie nicht zu Tom mitnehmen, da ich mich einer möglichen Konfrontation nicht gegenübersehen wollte. Aber die Lösung lag eigentlich auf der Hand: Peaches. Und Damian war auch einverstanden, dass Wildrose einen Blick auf sie werfen konnte. Zwar war Peaches nicht begeistert, sehr abweisend, unhöflich und widerspenstig, aber schließlich erzählte uns Wildrose, dass sie ein eiskaltes Herz hatte, in dem keine Liebe mehr zu finden sei. Und es passte laut ihr mit meiner Beobachtung zusammen, dass Magie damit im Spiel gewesen war.

Nun wussten wir zwar, was es war. Aber nicht, woher es kam, wer dafür verantwortlich war und warum derjenige es getan hatte, noch wie man es wieder rückgängig machen konnte. Recherche würde in diesem Fall harte Arbeit werden und niemanden ließen die Umstände wirklich kalt.

Doch bevor wir auch nur die Chance hatten, uns eingehender mit irgendwelchen Ritualen zu beschäftigen, klingelte mein Telefon. Edith war am anderen Ende der Leitung und vollkommen aufgelöst. Tom war plötzlich verschwunden und sie konnte ihn weder erreichen noch wusste sie, wo er hingegangen sein könnte. Ich versprach ihr, dass ich ihn wiederfinden und zurückbringen würde. Ohne weiter darüber nachzudenken beschwor ich den Faden, der mich zu ihm führen würde und sprang ins Auto. Ich war noch nicht weit gekommen, da meldete sich Diane bei mir. Ihr Bruder war ebenfalls spurlos verschwunden, ob ich denn nicht... ich holte sie ab. Gemeinsam fuhren wir gen Nordosten. Nach und nach meldeten sich auch die anderen, und ich wies David an, seiner Schwester ebenfalls über den Faden zu folgen, den er heraufbeschwören konnte. Sofia konnte ich nur den Tipp geben, von New York direkt nach Norden zu fahren; wir würden uns melden, sobald wir Näheres wussten. Bei Seattle mussten wir von meinem Tesla auf Dianes Maserati wechseln, während Damian und Xin uns folgten.

Wir folgten unseren Menschen tagelang immer grob nach Nordosten.

Schließlich teilte uns David mit, der mit Toronto als Ausgangspunkt einen nicht unwesentlichen Vorsprung hatte, dass sich Sofias Bruder auf einer Fähre Richtung Grönland eingefunden hatte und dass er ihm nachfliegen würde. Von Peaches, Tom, Dianes Bruder, Davids Schwester und Xins Freundin war keine Spur. Als wir schließlich an der Ostküste Kanadas ankamen, mussten wir auf die morgendliche Fähre warten, was Sofia Zeit gab, mit ihrem konfiszierten Porsche zu uns aufzuschließen. David hielt uns auf dem Laufenden. Laut ihm wirkte Ben, den er als einzigen usnerer Menschen gerade noch auf der Fähre ausmachen konnte, wie eine Puppe und reagierte nicht auf ihn. Als sich lange Stunden später herausstellte, dass unsere Menschen sich mitten ins Grönländische Eis aufgemacht hatten, besorgte er uns Skimobile und Ausrüstung, während er auf uns wartete. Alle waren angespannt, nicht zuletzt, weil niemand der sechs Menschen passend für das Eis gekleidet war.

Dick vermummt machten wir uns auf in das ewige Eis. Dass bei der recht kurzfristigen Planung des Ausflugs einiges im Argen lag, daran dachte zu diesem Zeitpunkt niemand. Unter anderem stellten wir fest, dass wir zu wenig Schneemobile hatten, als wir auf Ben trafen und Sofia darauf bestand, bei ihm zu bleiben. Ich könnte behaupten, dass ich hin- und hergerissen gewesen wäre, aber sosehr ich sie auch verstand, so dringlich wollte ich zu Tom, der ebenfalls in nicht warm genuger Kleidung hier unterwegs war. Wir trennten uns und hofften, dass es kein Fehler war, Sofia und Xin mit Ben zurückzulassen.

Schließlich fanden wir die restlichen Menschen stumm mitten im Eis stehen. Weit und breit war Nichts zu sehen und der eisige Wind schien sie nicht zu kümmern, obwohl ihre Hände und Gesichter eiskalt waren. Sie reagierten auch nicht auf uns, weder wenn wir sie ansprachen, noch wenn wir sie berührten. Auf den Gesichtern der anderen spiegelte sich meine eigene Sorge wieder, welchen Tribut das Eis wohl von unseren Menschen fordern würde und was in aller Götter Namen das Ganze bedeutete. Nach weiteren Stunden in der Kälte, in denen wir realisierten, dass wir nicht an wärmende Kleidung gedacht hatten, und nach vielen Versuchen, unsere Menschen trotzdem einigermaßen warm zu halten, schlossen Sofia und Xin zu uns auf.

Anscheinend hatte etwas nur darauf gewartet, dass alle an diesem Ort versammelt waren. Vor uns waberten und bogen sich Nordlichter zu einer Art Durchgang und gaben eine andere Welt als die Eiswüste preis. Nunja, fast. Es lag immer noch das ewige Eis hinter dem Lichtertor, aber unser Blick fiel auf eine Burg aus Eis. Ich hatte schon vor Stunden Frostbrandgezogen und in den Schnee gesteckt, um es gegebenenfalls schnell zur Hand zu haben, falls es notwendig gewesen wäre. Nun schnappte ich mir das Schwert, als die Menschen sich wieder in Bewegung setzten und auf die Burg zuliefen. Einen Augenblick lang war ich seiner betäubenden Wirkung auf meine Gefühle dankbar. Mehr als unseren Lieben zu folgen konnten wir immer noch nicht tun. Im Burghof stellten sich die Eisverwehungen, die wir von Weitem ausgemacht hatten, als Eisbären heraus, die sich bei unserem Eintreten erhoben. Obwohl sie furchteinflößend aussahen und außergewöhnlich groß waren, stellten sie sich uns nicht in den Weg. Im Gegenteil: Obwohl sie uns durch ihre kleinen, schwarzen Augen beobachteten, vernahm ich keine drohende Gefahr durch sie, bei Sofia oder Xin. Zielstrebig steuerten Tom und die anderen auf den Thronsaal der Burg vor. Hilflos mussten wir mitansehen, wie sie direkt auf den Thron zusteuerten und vor der dort sitzenden Riesinihre Knie beugten. Obwohl ich irgendetwas spüren wollte, irgendeine Wut oder Rage oder Verzweiflung oder Erleichterung, hatte sich Frostbrand eisiges Band auch schon um mein Herz gelegt. Obwohl über fünf Meter groß und ehrfurchgebietend empfand ich keine Furcht vor der Riesin, die mich aus ebenso kalten Augen anblickte, wie die meinen, die sie musterten. Obwohl sie freundliche Worte wählte, streifte ihre Stimme wie ein eiskalter Wind durch die Halle und ließ mich frösteln. Sie war anscheinend erfreut, dass ich ihr Eigentum zurückbrachte. Sie betrachtete Frostbrand als das rechtmäßig Ihre und verlangte es zurück. Die anderen waren perplex. Nur für mein Schwert waren ihre Freunde und Familien hierhergeholt worden. Ich fragte die Riesin, ob sie ihren Bann wieder von den Menschen nehmen würde, aber ihre Antwort blieb vage. Wenn es ihr beliebte, dann würde sie sich dazu herablassen. Ich blickte Tom an und stellte mir vor, wie er mit kaltem Herzen weiterleben würde. Die Nüchternheit, die durch Frostbrand in meinen Gedanken herrschte, verstärkte das negative Zukunftsbild nur. Mit einem Vielleicht würde ich mich nicht zufriedengeben können. Ich bat die Riesin, ob sie wenigstens die anderen fünf aus gutem Willen wiederherstellen könne, bevor ich ihr das Schwert gab, aber wieder verneinte sie. Ich griff Frostbrand fester und die anderen Götterkinder standen hinter mir. Damit hatte ich nicht gerechnet, aber es gab mit Halt und Gewissheit. Die Riesin seufzte und griff an.

Obwohl wir sie trafen, glitten unsere Waffen an ihr ab, was ich von der ihren nicht behaupten konnte. Nach einem kurzen Schlagabtausch fühlte ich mich plötzlich am Hals gepackt und in die Höhe gerissen. Verzweifelt stärkte sich mein Griff um Frostbrand, während ich aus den Augenwinkeln sah, wie die anderen seltsam dreinblickend ihre Waffen gesenkt hatten und in unterschiedliche Richtungen starrten. Ich spürte den Atem der Riesin in meinem Nacken. Sie war nicht wütend, als sie sprach. Es war aussichtslos, gegen sie zu kämpfen, es sei denn, wir wollten sterben. Sie wollte nur ihr Eigentum zurück. Als sie mich endlich absetzte - die Luft war mir zwar nicht knapp geworden, aber mit zugedrücktem Hals redete es sich schwerlich - fragte ich sie nach dem Band, das zwischen Frostbrand und mit bestand. Sie wollte sich darum kümmern, also übergab ich es ihr schließlich, wenn auch immer noch widerstrebend. Kaum hatte ich das Schwert aus dem Händen, brachen meine Angst und meine Sorgen wieder über mich herein. Aber ich konnte wie schon in den Tagen zuvor wenig dagegen ausrichten, also beobachtete ich die Riesin. Ihre Augen weiteten sich, als sie das Schwert begutachtete und sie warf es, erstmals sichtlich wütend, wieder vor meine Füße, so dass ich aus Reflex einen Satz zurück machte, der David für einen kurzen Moment aus seiner Trance riss und taumeln ließ. Ich wurde mir zum ersten Mal wirklich bewusst, wie groß die Frau aus Eis tatsächlich war und schluckte, als sie fluchend vor mir stand. Das Band zwischen Frostbrand und mir war zu stark, sie konnte es nicht brechen. Und töten wollte sie mich aus irgendeinem Grund nicht. Auf meine Frage, wer das Band lösen könne, antwortete sie fast resigniert, dass dies wohl nur Loki könne, der das Band ja geschmiedet und das Schwert ursprünglich von ihr gestohlen hatte. Allenfalls noch ein wirklich mächtiger Magier, aber das war schon fast unwahrscheinlicher, als Loki zu finden. Sie verlangte von mir, dass ich ihr zu gegebener Zeit ein gleichwertiges Relikt bringen würde und ich sagte unter der Bedingung zu, dass sie unseren Menschen das Eiskalte Herz wieder auftaute. Dafür wollte ich auch nur, dass die anderen dachten, wir wären aus einer Pattsituation geflüchtet, anstatt einen Sieg über die Riesin errungen zu haben, wie sie ursprünglich vorgeschlagen hatte. Sie wendete sich den Menschen zu, machte eine knappe Geste und ich sah, wie buchstäblich Eiszapfen aus deren Herzen glitten. Erst im letzten Moment fielen mir meine Manieren wieder ein und ich erfragte den Namen unserer Gastgeberin. Sie antwortete, sie habe viele namen, aber die Eishexe, Schneekönigin oder Jadiswären die geläufigsten. Im nächsten Augenblick fand ich mich mit den anderen rennend im Burghof wieder und sah, wie sich die Eisbären erhoben. Die Eishexe hielt ihr Versprechen: Wir entkamen. Unsere größte Sorge war weder, ob Tom, Ben und die anderen wieder normal wurden, noch ob wir weiter verfolgt wurden. Nein, wir hatten nicht an genug Schneemobile und warme Kleidung gedacht. Jadis hatte uns zwar aus ihrem Reich entlassen, aber nicht aus dem ewigen Eis.

Schließlich brachten wir alle sicher nach Hause. Es war eines der seltenen Male, in dem ich Edith völlig außer Fassung erlebte, als ich Tom bei ihr ablieferte. Zu meinem Glück. Als wir den immer noch etwas benommenen Tom in sein Bett verfrachteten, klärte sich sein Blick und er erzählte mir, er habe einen seltsamen Traum gehabt. Erleichtert erwiderte ich ihm, er solle versuchen zu schlafen, und kaum hatte er sich zurückgelegt, war er auch schon wieder eingeschlafen. Ohne die "lange Geschichte" erzählen zu müssen, konnte ich mich von Edith verabschieden. Ich bat sie, mich anzurufen, sollte noch irgendetwas sein. Obwohl ein Teil von mir bleiben wollte gab es doch zu viel, was dagegen sprach.

No County for Old GodsBearbeiten

Peaches und Sun Wen, wie Xin seine Kindheitsfreundin vorstellte, erholten sich schnell wieder. Und da auch Diane, David und Sofia innerhalb der nächsten Tage unbesorgt in die Villa zurückkehrten, schien hier auch alles wieder in Ordnung zu sein. Von Edith oder Tom bekam ich keine Nachricht, woraus ich nur schließen konnte, dass hier ebenfalls alles wieder mit rechten Dingen zuging. Obwohl ich hätte beruhigt sein müssen, ertappte ich mich immer wieder dabei, wie ich mein Handy überprüfte, ob ich nicht doch einen Anruf oder eine SMS verpasst hatte.

Währenddessen bemühte sich Wildrose darum, ein großes, gemeinsames Abendessen zu organisieren. Es sollten nur die teilnehmen, die "Mitglieder des Haushalts" waren, wie sie es nannte. Somit versuchte Xin, seinen Gast für diesen Abend wegzuschicken ohne sie zu sehr zu brüskieren. Mit nur mäßigem Erfolg.

Wildrose tischte ein Festmahl auf. Alle waren anwesend, inklusive Damian und Peaches. Nach dem Essen bat sie uns, ihr zu folgen. Sie führte uns auf das Feld auf unserem Anwesen und forderte uns auf, einen Kreis zu bilden und uns an den Händen zu fassen. Sie wollte einen Baum pflanzen, um das Land richtig in Besitz zu nehmen. Als sie die winzige Eichel mit Erde bedeckt hatte, rezitierte sie alte, gälische Weisen, und plötzlich keimte der Samen zu einem kleinen Setzling. Nicht nur ich beobachtete verhalten, wie Peaches darauf reagierte. Aber die Erklärung, dass Sofia die Eichel wohl genetisch modifiziert hatte, schien ihr ausreichend zu sein. Doch die Zeremonie war nicht wirklich das Ende des Abends. Ich hatte mich mit David wieder in die Bibliothek zurückgezogen, wo er anmerkte, dass die Bücherregale langsam zu eng wurden. Wir beschlossen, das kleine Theaterzimmer in einen weiteren Leseraum zu verwandeln. Als jeder wieder an seiner eigenen Arbeit saß, überkam mich plötzlich eine Art Vision: In einer Höhle saß ich allein einem Mann mit einem Büffelkopf gegenüber, der mich musterte. Mir war unbehaglich zumute; es war kein freundliches Beisammensitzen. Dann sagte er nur: "Dies ist kein Land für alte Götter"- und die Vision war vorüber. Leicht benommen schüttelte ich den Kopf und blickte zu David. Auf meine Frage, ob er dasselbe gesehen hatte, nickte er nur und ich hörte, wie Sofia aufgewacht und recht unruhig war. Anscheinend hatten alle, die bei der Zeremonie anwesend gewesen waren, denselben Besuch erhalten. Statt einer Nachricht von Edith bekam ich schließlich eine andere, gänzlich unerwartete SMS. Ayita, eine Kindheitsfreundin, die ich seit der Highschool nicht mehr gesehen hatte, hatte eine Verhandlung in Portland. Ob ich nicht Zeit hätte, mich mit ihr zu treffen. Etwas Ablenkung konnte nur gut tun und ich verabredete mich mit ihr für den Abend. Währenddessen kam ein UPS-Wagen und brachte für David ein riesiges, uraltes Regal. Doch keine zwei Stunden später, pünktlich zu meiner Mittagspause in der Stadt, rief mich Diane an, dass Wildrose eine Einweihungsparty geplant hatte. Ich war schon am Absagen, da merkte Diane an, dass zu den Gästen auch unsere Eltern gehörten. Wohl oder Übel musste ich meinen Abend mit Ayita auf den nächsten Vormittag verschieben. Erfreut war sie nicht darüber, dass ich ihr keinen Grund nannte, aber ich wollte sie auch nicht mit potentiellen Göttern konfrontieren - Paris sei dank. Wieder in der Villa angekommen, lief mit Xin über den Weg. Dass er in Holzfällerhemd und Jeans unterwegs war entlockte mir ein Schmunzeln. Er war überrascht, dass es eine Einweihungsfeier gab, denn er hatte sich mit Sun Wen verabredet, und als ich ihm eröffnete, dass Wildrose auch seinen Vater eingeladen hatte, versuchte er verzweifelt, seine Freundin dazu zu bekommen, dass sie chinesische Kleidung anzog.

Wildrose hatte sich währenddessen selbst übertroffen: Sie hatte eine Tafel auf dem Rasen errichtet und ein ganzer Ochse drehte sich über dem Feuer. Zudem war ein riesiger Mann aus Korb aufgestellt, der mit allerlei Opfergaben (inklusive zweier lebender Hühner) gefüllt war. Auf meine Zurechtweisung, warum sie nicht früher Bescheid gegeben hatte, meinte sie nur unschuldig, dass sie davon ausgegangen sei, wir wüssten so etwas selbstverständliches. Normalerweise bin ich Überraschungen überhaupt nicht abgeneigt, aber sobald Götter ihre Finger im Spiel hatten... hatte ich Paris schon erwähnt?

Die von Wildrose versprochenen Götter tauchten tatsächlich einer nach dem anderen auf. Ich ließ es mir nicht nehmen, Sun Wukong, Thot, meinen Dad und Vidar persönlich an der Tür zu begrüßen. Ich freute mich tatsächlich, den Affenkönig wiederzusehen, auch wenn seine Begleitung recht seltsam, steif und wortkarg war. Und ich sah nicht ein, meinem Vater nicht wie immer in die Arme zu fallen, Gott hin oder her. Nur Sofia musste ich regelrecht aus ihrem Labor zerren. Wie sie prophezeihte, war ihre Mutter nicht erschienen. Während Sun Wukong Sun Wen ausfragte, Peaches von ihrem Großvater geschockt war und Sofia sich schließlich doch bestens mit Thot unterhielt, schnappte ich mir meinen Vater zu einem kleinen Spaziergang und konfrontierte ihn noch einmal mit der ganzen Geschichte um Frostbrand. Doch leider konnte er mir nicht wirklich helfen - Loki würde ich wohl allein finden und dazu bekommen müssen, das Schwert wieder von mir zu lösen. Und auch Mum war ein Thema, an das er nicht gerne erinnert wurde.

Jeder der Götter hatte noch ein kleines Geschenk für das neue Haus. Mein Vater war der Meinung, dass uns ein Wachhund ganz gut täte. Glücklicherweise sahen Menschen in ihm nur einen übergroßen Mastiff und nicht den ein-Meter-fünzig großen Riesenhund, der er war. Thots Geschenk war das uralte Regal, welches am Morgen von UPS gebracht worden war, das sich mit Büchern über das Wissen füllen konnte, nach dem es einem verlangte. Poseidon hatte einen Teil unseres Pools in ein Salzwasserbecken verwandelt, mit dem man in andere Weltmeere gelangen konnte. Irgendwann würden wir auch lernen, aus diesen anderen Meeren wieder zurück in unseren Pool zu kommen, meinte er. Sun Wukong stellte uns zwei Terrakottakrieger als Wachsoldaten. Einzig Vidar überreichte seinem Sohn schwarze Kugel, die nur Damian von Nutzen sein konnte. So mehr oder minder normal wie sie gekommen waren - Poseidon ausgenommen, der immer noch gerne seine von Seepferdchen gezogene Muschel fuhr - so normal verabschiedeten sich unsere Eltern auch wieder.

Am nächsten Morgen fuhr ich zu Ayitas Verhandlung. Es ging um einen kleinen Streit über irgendwelche Glücksspiellizenzen zwischen dem Warm Springs Indian Reservation Center, das sie vertrat und dem Staat Oregon. Einem Praktikanten, der zumindest vom Ergebnis berichten sollte, gab ich kleine Tipps, wie sein Artikel nicht zu trocken klingen würde, während ich auf das Ende wartete. Zum Mittagessen überraschte mich diesmal Ayita. Sie war des Reisens müde und hatte deshalb vor, für eine Weile in der Portlander Gegend zu bleiben.

Eines Tages wird alles gut sein, das ist unsere Hoffnung. Heute ist alles in Ordnung, das ist unsere Illusion.Bearbeiten

So fand ich mich mit all den schwer verdaulichen Ereignissen der letzten Tage im Arbeitszimmer wieder und brütete über einer Kolumne, als sich auch noch das Schutzzeichen auf Sofia meldete. Ohne weiter nachzudenken stürzte ich aus dem Haus zu ihrem Container, immer dem Faden folgend, den ich schon beinahe reflexartig beschworen hatte. Leblos lag sie auf dem Boden, je eine Metallnadel in den Pulsadern, die zu einer Spitze führten und die ich ihr herausriss. Mehr als ihre Bewusstlosigkeit sorgte mich, dass ich keinerlei Informationen erhielt, wie es ihr erging, während ich sie ansah. Bisher hatte ich immer auf einen Blick erkennen können, ob jemand in Ordnung war oder nicht. Dass etwas nicht in Ordnung war verriet schon ihre Hautfarbe: Sie war von einem leuchtenden Grasgrün. Ich versuchte, JJ zu kontaktieren, aber außer dass Sofia heute von zu Hause aus arbeiten wollte, wusste er wenig von ihren heutigen Vorhaben.

Also schleppte ich Sofia erstmal ins Haus und rief nach Wildrose. Das Zeichen lärmte zwar schon längst nicht mehr, aber sicher war sicher und in Punkto Heilung hatte sie mir einige Jahrhunderte voraus. Wildrose betrachtete Sofia einige Zeit bevor sie nickte und etwas an ihrem Kopf machte. Darauf spross eine Primel auf Sofias Stirn. Obwohl ich wie vor den Kopf gestoßen war, übernahmen wohl die Reporterinstinkte und ich zückte mein Handy. Leider pflückte Wildrose das Blümchen, bevor ich das Bild machen konnte, aber den Beweis für eine grüne Sofia hatte ich. Kurz darauf schlug sie die Augen auf und war wieder einmal sehr pikiert darüber, wie man sich nur um sie sorgen konnte. Sie hätte alles unter Kontrolle und zu keinem Zeitpunkt hätte irgendeine Gefahr bestanden; meine Sinne sollten Fehlfunktionen haben wie schon in der Kugel. Sie druckste herum, auch wenn sie alles in Science-Talk zu verpacken suchte, dass sie sich wohl mit einer Pflanze gekreuzt habe und darin die Erlösung für das Nahrungsproblem ansah: Sie fantasierte von Kühen, die sich von Sonnenlicht ernährten – und das wollte sie nun auch ausprobieren. Trotz meiner Proteste, dass ihre Hautfarbe zumindest für unsere nicht-göttlichen Bewohner ein Affront wäre, legte sie sich im Zweiteiler an den Pool.

Glücklicherweise war ich nicht die einzige, die sich über Sofias Forschung und aktuellem Verhalten wunderte. Auch David war äußerst irritiert und ließ sich liebend gerne als Versuchskaninchen für ein vegetarisches Restaurant missbrauchen, um den seltsamen Vorgängen in der Villa zu entkommen. Während des Abends rief Xin an, dass Ayita an der Villa eingetroffen war und ob sie bleiben könne. Natürlich hatten wir noch ein Zimmer frei. Als David und ich spät zurückkehrten, fanden wir Ayita, Sofia und Diane am Pool, wie sie im Mescalinrausch waren und von der Erscheinung eines weißen Büffelkalbes berichteten. Ayita zuliebe nahm ich eine der Peyotekugeln, wohl wissend, dass eine einzelne zu wenig Mescalin besaß, um einen Menschen high machen zu können. Das war wohl ihr Einstand, auch wenn sie darauf bestand, in ihrem Wohnwagen zu nächtigen.

Am nächsten Morgen war ich immer noch nicht gut auf Sofia zu sprechen. Spannung war im ganzen Haus zu spüren, als wir uns alle gegenseitig immer wieder in die Haare bekamen. Dass Ayita mitten drin hockte, schmeckte mir eigentlich von Minute zu Minute weniger. Nicht dass ich sie weghaben wollte, im Gegenteil. Oder doch? Ich stellte mir vor, wie ich mittlerweile einige Menschen in dieser Stadt in dicke Wattekugeln an einen sicheren Ort packte. Und dann rief auch noch Tom an. Der Anruf auf den ich schon seit Tagen mehr oder weniger ängstlich wartete. Ich floh aus der Villa, um den neugierigen Ohren hier zu entkommen und verabredete mich in einem kleinen, mir wohl bekannten Cafe. Natürlich wollte Tom wissen, was geschehen war. Ich versuchte, so plausibel wie möglich an der Wahrheit zu bleiben, soweit es mir möglich war. Es war klar, dass meine Erklärung ihn nicht hundertprozentig zufriedenstellte; dafür waren zu viele Fragen nicht ausreichend beantwortet. Aber die Wahrheit war weniger für seine Ohren bestimmt. Und sein Dank beruhigten mein schlechtes Gewissen ihm gegenüber nicht wirklich. Er erzählte mir, dass er noch eine Weile in der Stadt blieb. Er leitete das Wahlkampfteam für einen der Kandidaten zur nächsten Bürgermeisterwahl. Über den darauffolgenden Smalltalk war ich glücklich, weil ich ihn das erste mal seit - Dank der Kugel - Jahren wieder in Ruhe erleben konnte.


  • Gespräch mit Tom
  • Dianes Bruder zusammengeschlagen von Armeniern, er hat sich 250k geliehen und konnte seine Raten nicht zurückzahlen. Erste zaghafte Nachforschungen. Damian auf die Armenier angesetzt
  • Sun Wen verschwindet, anchdem ihr David gesagt hat, sie würde nach Schießpulver riechen. Xin sorgt sich um Davids Wohlergehen.
  • Peaches Flucht aus der Villa; sie meint, ihr Vater sie ein mafiakiller, nachdem sie Geld gefunden hat, und als Xin ihr den FBI Ausweis zeigt, flüchtetr sie verstört zu Damian, um ihren "coolen Dad" zu warnen.


(nicht chronologisch)

  • Gloria schickt Nachricht an Damian, dass sie Peaches am nächsten morgen wieder abholen wird, woraufhin er ihr zurückschickt, dass er Peaches erzählt hat, dass das Geld im Casino gewonnen wurde und er nun deswegen probleme habe - was der Grund sei, dass Peaches in die Villa soll.
  • Gloria fährt mit Peaches auf einen Bauernhof und versucht, während der Fahrt deren Bedenken zu zerstreuen und den "Coolnessfaktor" aus "Mafiakiller" rauszunehmen, ohne irgendwelche Kräfte anzuwenden.
  • Damian leiht sich das Geld und beschließt, Angehörige der Mafia sich mit seinen Kräften hörig zu machen. Gloria ist nicht begeistert und sagt ihm, dass sie nicht mit der Mafia in Verbindung gebracht werden möchte und gibt ihm ebenfalls zu verstehen, dass er nicht auf dem Anwesen erwünscht ist, solange er versucht, sich dort hineinzuarbeiten ("zum Schutz für Peaches"). Daraufhin beginnt sie zu recherchieren
  • Algemeine Infos über die Armenische Mafia und Kontakt bei der Polizei, der als Gegenleistung gerne hätte, dass der Hinterbliebenenball nochmal etwas größer ind er Zeitung erwähnt wird. Gloria fragt David ob er mit ihr auf den Ball geht - er sagt zu.
  • Ayita hat anscheinend David gefragt, ob sie eine Schwitzhütte auf dem Grundstück errichten könnte. Gloria ist entschieden dagegen, als Davids Buch meint, dies würde die Landnahme wieder aufheben - es würde Wildrose nciht gefallen. Sie schlägt vor, eine Schwitzhütte in einem Reservat aufzusuchen, wenn es möglich ist. Dort treffen sie in einer Vision die weiße Büffelfrau.
  • Xin sorgt für Belustigung, als er Thots Regal ausleiht, um sich Literatur zu Geschlechtsverkehr zu besorgen. Wildrose sorgt für einige Druckserei und ausweichende Antworten auf mehreren Seiten. Kurzentschlossen buchen David und Gloria für Xin einen Flug plus Hotelzimmer für die gerade stattfindende Spingbreak in Miami

weiterführende LinksBearbeiten

PRIVAT Gloria

Glorias Nachforschungen

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